Als ich so 16, 17 war, wollte ich Graffiti-Künstlerin werden. Das ging allerdings dann nicht so, weil ich erstens nicht genügend kriminelle Energie hatte, und zweitens kein Geld für die Spraydosen, drittens weil ich den Stil, irgendwie nicht "drauf bekam".
Aber trotzdem hat Graffiti immer eine Anziehungskraft auf mich gehabt.
Ich bin damals mit einem Freund nach München gefahren und wir haben nur Graffiti gesucht und mit Graffiti-Künstlern geredet und sind auf Bahngleisen rumgestromert um Fotos zu machen von Kunst am Rande der Strecke.
In Berlin bin ich auch mal an der S-1 Strecke (S-Bahn) langgelaufen, hab mich durch geheime Ein- und Ausstiege gezwängt und die vielen Graffiti mit einer geborgten edlen Nikon Spiegelreflex geknipst, alles analog noch damals *g*
Leider hab ich kein einziges Foto mehr davon. Aber ich hab diese Wanderung noch in lebhafter Erinnerung.
Graffiti - das ist für mich Kunst, Orakel, Buntheit, ein Zeichen von Lebendigkeit und Urbanität. Hundertwasser wird so ein Spruch zugeschrieben: Es muß "ein Mann in einem Mietshaus die Möglichkeit haben, sich aus seinem Fenster zu beugen und mit einem langen Pinsel alles rosa zu bemalen"
Graffiti ist genau das für mich, ein Ausdruck von Lebendigkeit, daß ein Mensch sagen möchte: "Ich war hier, ich bin da, ich bin lebendig, ich möchte daß jeder meine Kunst sieht."
Dieses Aufdrängen, also die Frechheit der Öffentlichkeit seine eigene kreative Äusserung zuzumuten, an möglichst prominenter Stelle - das ist genau das, was ich an Graffiti bewundernswert finde, da das von Leuten ohne viel Geld kommt, und sich normalerweise die großen Konzerne derartige Flächen für ihre Werbung reservieren. Wenn ein "kleiner Mensch" sagt: Ich bin genauso prominent wie dieser Konzern - und verdiene die grösste und beste Fläche um meine Sprühdose darauf zu richten - dann ist das für mich klasse.
Als eine, die selbst keine Graffiti macht, (ausser die Hundertwasser-Sache mit dem ums-Fenster-herum) finde ich es toll, wenn andere das tun.
Es lebe das Graffito!