Frances Newton

Nach meinem "Ausflug" ins amerikanische Internet habe ich mich heute auch wieder auf Seiten rumgetrieben, die sich um Mumia Abu Jamal drehen. Soweit ich jetzt informiert bin, ist in Sachen Mumia gerade ein Stillstand, es gibt keinen Hinrichtungstermin, aber auch keine Anstalten seitens der Behörden seinen Prozess wieder aufzurollen.

Auf www.mumia.org war ein kleiner Banner, auf dem stand "Free Frances Newton". Frances Newton wurde in den 80er Jahren im County Harris, Texas zum Tode verurteilt, aufgrund von Indizienbeweisen, und mit einem Rechtsanwalt der mittlerweile wegen seiner Unfähigkeit nicht mehr als Pflichtverteidiger für Mordprozesse bestellt werden darf. Vor einem Monat gab es Aufrufe verschiedener amerikanischer Menschenrechtsorganisationen, gegen die geplante Hinrichtung von Frances Newton zu protestieren. Leider hat es nichts genützt, seit dem 14. September 2005 ist Frances Newton tot. Auf der Webseite des Texanischen Todesknastes steht:
Date of Execution: September 14, 2005
Offender: Newton, Francis
Last Statement: This offender declined to make a last statement. Last updated: 09/22/2005


frances newton

Was soll ich dazu sagen? Ich kann es einfach nicht glauben wie man überhaupt Menschen zum Tode verurteilen und hinrichten kann, wenn man lediglich Indizienbeweise hat. Mal unabhängig von der Frage, ob die Todesstrafe überhaupt gerechtfertigt werden kann oder nicht.
MMarheinecke - 25. Okt, 14:43

Der Schandfleck der US-Justiz

... ist die Todesstrafe, und zwar nicht "nur" in solchen haarsträubenden Fällen wie France Newton. Ich hatte über dieses Thema schon viele und lange Diskussionen auf amerikanischen Foren. Das Argument gegen die Todesstrafe, das am besten "zieht" ist das von der Fehlbarkeit menschlicher Richter. Humanitätre Erwägungen sind schwerer zu vermitteln, da das primitive "Rachedenken" in den USA genau so verbreitet ist, wie in Deutschland. Etwas befremdet hat mich der naive Glaube an die Wirkung der Abschreckung - auch die Liebe der Amerikaner zum privaten Schießeisen hängt sehr mit diesem Denken zusammen.
Am Rande habe ich dabei festgestellt, dass ein Todeskandidat, so makaber es klingt, bei sachgemäßen Prozess mehr Kosten verursacht als jemand, der 15 Jahre Knast absitzt.

Übrigens: Ich halte Mumia Abu-Jamal für schuldig im Sinne der Anklage. Aber ich bin´grundsätzlich gegen die Todesstrafe - in jedem Fall.

Zia - 25. Okt, 21:23

Booaaaahhh...

...mir bleibt da nur noch die Spucke weg, wenn ich mir diese Seite so angucke, - dieser systematische, staatlich durchorganisierte Mord nach Fahrplan, - dass es sowas heute noch gibt, - in einem Land, was sich für "kultiviert" hält find ich ungeheuerlich und einfach nur grauenhaft.
Nebenbei zeigt die unglaublich hohe Kriminalitätsrate in den USA, daß sowas keineswegs dazu beiträgt Verbrechen zu verhindern. Ich persönlich vermute eher, daß das Gegenteil der Fall ist. Was du rufst kommt, - wenn du Gewalt rufst, kommt sie.
sprachlos
Zia

distelfliege - 25. Okt, 23:19

Joa..

da kann ich auch nur zustimmen.
Was ja besonders seltsam ist, ist daß in den 60er und 70er Jahren in den USA fast keine Hinrichtungen stattgefunden haben. In den 60er Jahren gab es einen Stimmungswechsel nach dem die Mehrheit der Amerikaner gegen die Todesstrafe war, und nur noch wenige Hinrichtungen ausgeführt wurden. 1972 entschied der oberste Gerichtshof, die Hinrichtungen seien grausam und ungerechtfertigt, und damit nicht verfassungsgemäss. Dadurch war die Todesstrafe faktisch abgeschafft worden. " Am 29. Juni 1972 erklärte der Oberste Gerichtshof 40 Todesstrafengesetze für nichtig, setzte die Todesstrafe im ganzen Land aus und wandelte die Todesurteile von 629 Gefangenen in lebenslängliche Haftstrafen um." schreiben se bei Wikipedia
Danach revidierten die Staaten ihre Gesetze, um die Todesstrafe wieder verfassungskonform zu machen, und ab 1976 gab es sie wieder, die ersten Hinrichtungen begannen wieder 1977.

Für mich natürlich ein Rückschritt, aber auf der anderen Seite fürchte ich schon daß z.b. die Stimmung hier eher gegen die Todesstrafe ist, aus dem selben Grund wie in den USA dafür: Aus Gewohnheit. "Weils halt vorher auch so war"

Hrmpf..
distelfliege - 25. Okt, 22:10

Hi Martin,

Zum Thema Schuld oder Unschuld.. mir ist es ohne grossartiges Recherchieren nicht möglich rauszufinden ob Mumia Abu-Jamal oder Frances Newton gemordet haben oder nicht, nur.. was ich sehe ist:
Frances Newton wurde in Texas verurteilt und Mumia in Pennsylvania, ein Staat der im Gegensatz zu Texas seit 1972 grade mal 2 Hinrichtungen durchgeführt hat..
Und Frances Newtons Fall war nicht besonders bekannt.

Und das Argument der Fehlbarkeit menschlicher Richter - tja.. ist bei Fällen wo die Verurteilten keinen fairen Prozess bekommen haben, nicht von der Hand zu weisen.
Dazu kommt noch die Fehlbarkeit menschlicher Gesetze an und für sich. Und die Sache, daß Todesstrafe einfach eine endgültige und völlig unnötige Verschwendung menschlichen Lebens ist.

Ich bin von Mumia Abu Jamals Schuld nicht überzeugt. Schliesse zwar nicht aus daß ers war - aber es gibt da genug Ungereimtheiten..

grüssliz

Distel

MMarheinecke - 26. Okt, 17:36

Mumia, oh Mumia ...

Der Fall Mumia Abu Jamal geistert ja schon seit über 20 Jahren durch die Weltöffentlichkeit, eigentlich ist darüber längst alles gesagt, und als "Aufhänger" für Aktionen gegen den staatlich geregelten Rachemord (aka Todesstrafe) denkbar ungeeignet.

Ich finde die Todesstrafe als solches abscheulich, den Richter Sabo (der bei zwei Prozessen gegen Jamal Vorsitzender war) für einen autoritären Sheriff-Typ, die Polizei von Philadelphia für einen besonders brutalen und tendenziell rassistischen Bullenhaufen - aber es gibt dennoch wenig Anhaltspunkte dafür, dass sich die Geschworenen, die nach nur vierstündiger Beratung zu einem einstimmigen Urteil kamen, in der Sache geirrt hätten. Wenn man nicht zu ganz abgedrehten Verschwörungstheorie greifen will, gibt es keine andere Möglichkeit, als die, dass Abu Jamal den Polizisten Daniel Faulkner mit fünf Schüssen getötet hat.
Vielleicht hatte Abu Jamal einen guten Grund, Faulkner zu erschießen - zum Charakter der Bullen in Philadelphia: siehe oben!
Aber seine Verteidigung plädierte stets auf "Unschuldig", nicht etwa auf "Notwehr" oder "Totschlag"!

Die Legende, dass Jamal aus politischen Gründen verfolgt und verurteilt würde, halte ich für absurd. Nicht etwa, weil ich dergleichen in den USA von vornherein ausschließen würde. Sondern weil ich mir vor gut zehn Jahren, als Jamals Hinrichtung anstand, mal seine in Buchform veröffentlichten journalistischen Texte angetan habe. (Das Buch heißt "... aus der Todeszelle".) Der Mann ist IMO kein Bürgerrechtler, da kann er zehnmal Aktiviste bei den "Black Panters" gewesen sein. Er machte sich für die Move-Bewegung stark, eine radikale "zurück zur Natur"-Sekte mit unübersehbaren Hang zum schwarzen Rassismus. Der Mann mußte nicht deshalb seine Brötchen mit Taxifahren verdienen, weil die bösen Medienbosse keine unbequemen Journalisten beschäftigen wollten, er konnte keine Beiträge mehr verkaufen, weil sein Fanatismus und sein Sektierertum selbst bei ihm wohlgesonnenen Redakteuren nicht ankam. In seinem Buch im Knast geschriebenen Buch solidarisiere er sich mit der Davidianer-Sekte in Waco und lastete die spektakuläre Feuersbrunst, mit der sie sich nach 51 Tagen polizeilicher Belagerung umbrachten, unumwunden staatlicher Brandstiftung an.
Ohne den "Mitleidsbonus" würde meiner Ansicht nach kaum jemand einen fanatischen Spinner wie Mumia Abu Jamal als Journalisten und Schriftsteller ernst nehmen - geschweige denn als Bürgerrechtler, der den "Stimmlosen eine Stimme" gab!
distelfliege - 26. Okt, 21:37

Mumia ;)

...ich habe gestern mit auch noch einen etwas längeren Artikel zu Gemüte geführt, der durchaus in Betracht zieht daß Jamal wahrscheinlich den Polizisten erschossen hat.
http://www.courttv.com/archive/casefiles/mumia/
(2. link von unten)

Ich habe auch das angebliche geständnis des "wahren mörders" gelesen und ich muss auch sagen daß es mit anderen aussagen gar nicht übereinstimmt..

Wie dem auch sei, ich gebe zu ich bin nicht zuletzt durch dich ermuntert worden etwas rumzulesen, und bin jetzt weit entfernt vom Mumia-hätschel-di-tätschel.
Aber sagen wir mal so, auch wenn der Mann Mitglied bei einer spinnerten Politsekte ist, und auch wenn er nicht die "Stimme der Stimmlosen" ist wie seine UnterstützerInnen behaupten: Mir gings eigentlich grad nur darum daß es - z.b. bei seinem angeblichen Geständnis im Krankenhaus - Unregelmässigkeiten gegeben hat die einen erneuten Prozess durchaus rechtfertigen würden.

Was Frances Newton angeht: Die Beweise gegen sie sind zwar nur Indizien aber zusammengenommen auch ziemlich erdrückend gewesen. Es wäre aber bei ihr ein kleines "Fenster" gewesen für die Möglichkeit, daß sie es nicht getan hat, aber dieses Fenster gab es und es war auf jeden Fall grösser als das von Mumia Abu Jamal.

Zia - 28. Okt, 12:48

Ich gehe davon aus, ...

...daß die meisten der dort zum Tode Verurteilten tatsächlich die Verbrechen begangen haben, für die sie verurteilt wurden. Ich lehne die Todesstrafe nicht nur wegen möglicher Justizirrtümer ab, sondern weil in meinen Augen kein Mensch das Recht hat, darüber zu entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss.
Ich sehe die Todesstrafe besonders in der heutigen Zeit als einen Ausdruck einer hochgradig zurückgebliebenen Gesellschaftsordnung.
Zia

Nakry - 2. Nov, 15:07

Nach welchem Prinzip legen am. Richter eigentlich fest, ob ein wegen Mord zu Verurteilender lebenslänglich oder die Todesstrafe bekommt? Ich dachte bisher, die Todesstrafe würde nur bei extrem brutalen oder Mehrfachmorden verhängt werden. Offensichtlich (auch wegen anderer Fälle) ist dies nicht so.

Ich bin strikt gegen die Todesstrafe(nicht nur aus Gewohnheit), aus den von euch schon genannten gründen. Allerdings kann ich manche AmerikanerInnen etwas verstehen, welche Gefühle hättet ihr z.B. einem Mann gegenüber der in eurer Nachbarschaft 3 junge Frauen vergewaltigt und grausam ermordet hat?

Das generelle Problem ist ja, dass man in Deutschland unter Umständen länger ins gefängnis muss, wenn man ein paar CDs gebrannt und verkauft(max. 5 Jahre) hat, als wenn man ein vergewaltiger(z.B 3 Jahre) ist.

distelfliege - 2. Nov, 18:47

Problem

Hi Nakry,

Verschiedene amerikanische Bundesstaaten haben verschiedene Definitionen was ein mit dem Tod zu bestrafender Mord (capital murder) ist. Das Strafrecht is aber nun so, daß ein Verbrechen immer gleich bestraft werden muss, d.h. es wird prinzipiell für eine Tat bestraft, und nicht der Mensch weil er besonders "böse" ist, oder dem Richter seine Nase nicht gefällt.

Also kann man kaum sagen "ein ganz fieser Fiesling der in der Nachbarschaft 3 junge Frauen ermordet hat" bekommt die Todesstrafe, aber eine Frances Newton, der aufgrund von Indizienbeweisen 3 Morde nachgewiesen wurden, bekommt sie nicht. Das kann man halt nicht machen. D.h. wenn man den dreifachen Vergewaltiger und Mörder sterben sehen will, musst man auch in Kauf nehmen daß Menschen wie Frances Newton hingerichtet werden.

Ich denke, bei Umfragen pro/contra Todesstrafe denken viele Leute an z.b. Kindervergewaltiger und -mörder und sagen "Ja ich bin dafür", ohne sich vor Augen zu führen daß man nicht einfach NUR für die paar Kerle die Todesstrafe verhängen kann und alle anderen nicht, nur weil deren Opfer vielleicht nicht süß, blond und 5 Jahre alt waren.

Weiter muß man sich vor Augen führen daß man einen Mord nicht schwerer oder weniger schwer bestraft werden kann, weil er sicher oder weniger sicher bewiesen wurde. Das würde jeglichem Recht widersprechen.
D.h. sobald man die Todesstrafe für hinterhältigen Mord einführt, hat man zwangsläufig auch Leute als Kandidaten die aufgrund von Indizien zum Tod verurteilt werden.

Und da muss ich eben sagen, ich kann zwar Gefühle von Rache verstehen die sich meist allein gegen sicher überführte MassenmörderInnen richten, aber diese Gefühle müssen nun mal hinten anstehen, und dann muss sich auch mal das Hirn einschalten und drüber nachdenken, und merken daß man in einem Rechtsstaat nicht diejenigen die man besonders hasst, hinrichten kann und alle anderen nicht.

Und wer nicht über seine erste Aufregung aufgrund der neusten Zeitungsschlagzeile hinwegdenken kann, für den habe ich kein Verständnis, wenn er sich mit dieser geistigen Kapazität im Stande fühlt über das Leben und Sterben anderer Menschen zu urteilen.

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