Romantische Gebäckverklärung

...eben such ich so, angeregt durch Martin, nach Franzbrötchen und der Anzahl üblicher Touren bei denselbigen, da stoss ich bei einer Kochseite im Forum auf einen Thread... Tenor:
"Franzbrötchen schmecken nur in Hamburg!"
"Also, ausserhalb von Hamburg gibts halt keine guten Franzbrötchen.. jaja"

Das ganze kombiniert sich natürlich mit den massig hohen Erwartungen an einen einfachen Butterkeks, nur weil dieser einfache Butterkeks "Shortbread" heisst.
Oh boaaaah - alter! Shortbread ausserhalb Schottlands, Träume werden wahr - dabei ist es wirklich nur 1-2-3 Teig und ne doppelte Prise Salz.

Und Franzbrötchen scheint mir auch "nur" eben Plunderteig mit Zucker und Zimt zu sein.

Der logische Verstand sagt mir da also, daß Dinge wie Shortbread, Franzbrötchen... etc, pp. irgendwie ideologisch überhöht werden. "Die Psyche ißt mit" könnt ich auch sagen. Essen tut man dann nicht wirklich nur das Gebäck, sondern eine Idee, einen Hauch blaubemalter Braveheart-Atmosphäre oder eine Träumerei bunten St. Paulis.

Wobei ich echt nix sagen will gegen "die Psyche ißt mit". Ich finde schon, daß mit Liebe und Spaß an der Sache gebacken, das Gebäck erst so richtig zum Gebäck wird. Insofern ißt die Psyche immer mit *g* Aber natürlich reagier ich dann auch grad auf solche Franzbrötchen-Threads in irgendwelchen Foren etwas indigniert, daß uns BäckerInnen, die halt nicht in Hamburg backen, son Franzbrötchen scheints net zugetraut wird.
dat is irgendwie so wie mit "von echten Indianern handgeflochtene Traumfänger" - kommts da auf die Liebe zum Handwerk an oder vielmehr darauf, daß man sich ein Stück Urlaubsflair, oder Lokalkolorit oder authentisch imaginierte Spiritualität kaufen will?

Was ich noch verstehe, ist einzig die angebliche Unwiederbringlichkeit der "Ost-Schrippe" - da ich gehört habe, daß es in der DDR andere Mehltypen gab als in der BRD. Wobei sich da auch die Geister scheiden und es eine einzige Grauzone ist, wieviel daren romantische Gebäckverklärung ist, und wieviel daran faire Gebäckbeurteilung *g*
Bei Ost-Schrippen hab ich mal die Erfahrung gemacht, daß die selbe Schrippe eine Ost-Schrippe war, wenn ein Ossi das behauptet, aber wenn ein Wessi dann sagt, diese Schrippe wäre wie ne Ost-Schrippe, ist es urplötzlich keine mehr. *wuahaha*

Was die Ost-Schrippe angeht, halte ich mich natürlich grundsätzlich zurück, denn als Wösi werde ich niemals wissen, was eine Ost-Schrippe ist. Das ist einfach so. Weil es Teil von Identitätskonstruktion ist, eine Ostschrippe beurteilen zu können, und deswegen dürfen auch nur Ossis Ost-schrippen beurteilen können. Wenn das jeder lernen könnte, das wäre gar nich gut.
eidechse - 1. Nov, 14:36

*lach*
der eintrag hat mir spass gemacht!

baerin - 2. Nov, 00:02

Mir auch :-)

LG BärenSchwester

Amanleian - 4. Nov, 18:17

Dass bestimmte Dinge nur an bestimmten Orten schmecken, kann ich bestätigen. Da wäre zum Beispiel Ymer, das ist eine Art Joghurt, den es nur in Dänemark gibt. Und nur da schmeckt er so richtig gut. Isst man ihn hier schmeckt er nicht. Das liegt allerdings nicht daran, dass die Leute ihn hier nicht herstellen können. Denn nimmt man Ymer aus Dänemark mit nach Deutschland um hier noch einen Rest Urlaubsflair zu genießen, dann schmeckts halt auch nicht so gut wie in Dänemark direkt. Da gibts noch viele andere Dinge, die ländlich gebunden sind. Also Franzbrötchen schmecken nur in Hamburg gut, weil die Hamburger Luft beim Essen dazu kommt...;-)

Liebe Grüße

Anja

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