Gute-Nacht-Geschichte (guten Morgen)

Also, obwohl ich eigentlich im Bett sein sollte, (bin aber noch nicht sonderlich müde) erzähle ich die Geschichte von den Seminolen weiter.

Wie gesagt, die Seminolen waren ja kein Stamm in dem Sinne, daß sie Floridas Ureinwohner waren, sondern aus benachbarten britisch regierten Staaten geflohene Ureinwohner verschiedener Herkunft. Es gab keine gemeinsame Sprache, die Amtssprache, wenn man von einer Amtssprache sprechen will - für Verträge usw., war Muskogee, und viele sprachen die Sprache Mikasuki.

Auch ihre Kultur war heterogen. Es gab ja Siedlungen von Schwarzen, Indiandern und gemischte Siedlungen. Die schwarzen Seminolen übernahmen in ihren Siedlungen einige Elemente der Kultur der indianischen Seminolen, und hatten auch eigene Häuptlinge. Die afrikanischstämmigen Seminolen waren gefährdeter als die amerikanischen Seminolen, weil ihnen von den Weißen, ihrer Hautfarbe wegen, die Sklaverei drohte. Einige Dörfer schwarzer Seminolen haben also mit Dörfern von roten Seminolen Bündnisse geschlossen, also kriegten die indianischen Seminolen z.b. was von der Ernte ab, im Gegenzug halfen sie bei der Verteidigung gegen Angriffe von Weißen, die auf Sklaven aus waren.

Die schwarzen Seminolen fungierten auch oft als Dolmetscher, weil sie mit höherer Wahrscheinlichkeit auch Englisch oder Spanisch sprachen, neben den Sprachen Muskogee und Mikasuki, die sie von ihren Nachbarn gelernt hatten.

Die Seminolenkriege fanden dann 1817 - 1818 statt, also so 50 - 100 Jahre später nachdem die Seminolen in Florida seßhaft geworden waren.
Nebenan befanden sich die mittlerweile gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika. Die hatten natürlich trotz irgendeines Friedensvertrags mit Spanien immer noch ein Auge auf Florida geworfen. Und da stank es einem General gewaltig, daß unweit der Grenze zu Georgia, USA, in einem früheren Fort der Briten bewaffnete afrikanische Ex-Sklaven saßen. Also ließ der General an jenem Fort auf dem Fluß Versorgungsboote für einen seiner Truppenstützpunkte vorbeischippern und als die bewaffneten Schwarzen die Versorgungsboote unter Beschuß nahmen, hatte der einen prima Grund, in Florida einzumarschieren.
Das "Fort Negro" wurde zerstört und die Überlebenden versklavt.

Weiter gings, wenige Jahre vor dem Seminolenkrieg hatte der selbe General, sein Name tut ja eigentlich nix zur Sache, den Widerstand der Creek-Indianer in einer Schlacht ausradiert und sie zu einem Friedensvertrag gezwungen. In jenem mussten sie fast ihr gesamtes Land abtreten - dabei war auch von Seminolen besiedeltes Land in Florida.
Zuerst kam also so ne nette Provokation mit einer Handvoll Soldaten, die jenes "abgetretene Land" angriffen, und die Seminolen reagierten dann verständlicherweise indem sie die Handvoll Soldaten rausschmissen und das Fort des Generals belagerten.
Dann sind die mit einer grösseren Armee ins spanische Florida einmarschiert, und haben die Siedlungen der Seminolen nacheinander niedergebrannt und wenn man schon mal dabei war, kann man ja gleich Florida ganz erobern. Spanien entschloss sich, Florida den USA zu verkaufen, bevor man es aus militärischem Wege verlor, und 1821 war Florida dann amerikanischer Staat.

In jenem Abtrittsvertrag stand, daß die Einwohner des Territoriums, das an die USA geht, amerikanische Bürgerrechte erhalten sollten. Einige schwarzen Seminolen trauten dem nicht und flohen aus dem Land, andere hofften darauf in Freiheit bleiben zu können. Das klappte natürlich nicht, der selbe General nämlich, der die Seminolen zum Angriff auf Florida mißbraucht hatte, wurde da nämlich der Militärgouverneur, und seine erste Amtshandlung war, diesen Artikel ausser Kraft zu setzen.
Damit gab es dann keine Rechte für die Seminolen, für niemanden der kein Europäer war, gabs Bürgerrechte.

Stattdessen zwang man die Seminolen, einen Friedensvertrag zu unterzeichnen, in denen sie ihr Land in Nord Florida zum grössten Teil aufgaben und in einer kleinen Reservation leben sollten, und das in Frieden, wenn sie alle schwarzen Seminolen herausrückten, damit man Sklaven aus ihnen machen kann.
Letzteres wollten die Seminolen nicht tun.
Also hieß es, gut, dann müsst ihr alle aus Nordflorida weg, und die Seminolen mussten sich in weit schlechterem, sumpfigen Land in der Region der Stadt Tampa ansiedeln. Dort mussten sie mit Hunger, Dürre und Sklavenjägern fertig werden.

Doch damit nicht genug. Unser General, der damals seine Versorgungsschiffchen am "Fort Negro" hat vorbeidüsen lassen, war mittlerweile Präsident der USA geworden und hatte sich die Idee in den Kopf gesetzt, alle Indianer östlich des Mississippi müssten da weg und irgendwo in Oklahoma angesiedelt werden, eine Folge davon war u.A. der berühmte "Marsch der Tränen" den die Cherokee auf sich nehmen mussten. (Trail of Tears)
Das ganze nannte sich "Indianer-Raus-Gesetz" (Indian Removal Act).

1834 also erhielt die US Armee den Befehl, die indianischen Seminolen aus Florida wegzuschaffen, die Reservate zu räumen und die schwarzen Seminolen in die Sklaverei zu verkaufen.

Die Seminolenführer, denen diese Pläne eröffnet wurden, wiesen auf den Vertrag hin dessentwegen sie in die Tampa Region überhaupt erst gezogen waren und sahen das überhaupt nicht ein, daß sie nach Oklahoma aufbrechen sollten.
Das bedeutete dann wohl Krieg.

Eine Seminolen-Allianz legte dann wohl ein paar Plantagen in Schutt und Asche und besiegte die US-Armee in einigen Stützpunkten. Ein Jahr lang bekamen die US-Truppen dort auch kein Bein mehr auf den Boden. Von Regierungsseite aus wurde schon Schlimmes befürchtet. Da nämlich gerade die schwarzen Seminolen erbittert kämpften, schließlich gings um ihre Existenz als freie Menschen, bekam der verantwortliche General Angst, daß sich dieser Funke nach den Südstaaten zu den dortigen Sklaven ausbreiten könnte, wenn der Krieg nicht bald beendet würde.
Der General hat dann versucht, die indianischen Seminolen mit freier Passage in den Norden und die schwarzen Seminolen mit Versprechen von Freiheit zu locken, um den Krieg zu beenden. Weiße Sklavenhalter wollten aber auf keinen Fall auf die schwarzen Seminolen verzichten. Deren Ansicht nach waren die ihr vor Jahrzehnten geflohenes Eigentum.
Also ging der Krieg eben weiter.

Im Laufe dieses noch einige Jahre dauernden Krieges starben ca. 2000 Seminolen, auf Seiten der US-Armee starben 1.500 Soldaten. Am Ende wurden die restlichen 4500 Seminolen, darunter auch einige schwarze Seminolen, nach dem "Indianer-Raus-Gesetz" deportiert.

Nur wenige hundert Seminolen, etwa 100-300 Leute, flohen in die Everglades, den "River of Grass". Diese wenigen Menschen sind die Vorfahren der heute noch in Florida lebenden Seminolen, und man könnte sagen, die einzigen Indianer östlich des Mississippi, die dem damaligen "Indianer-Raus-Gesetz" entgangen sind. Und das waren auch die Leute, die ca. um 1920 die Patchworktechnik erfanden, die man "Seminole" nennt.
Ausserdem sind das die Leute, die im Jahr 2006 die Kette "Hard Rock Cafe" für 965 Milllionen US-Dollar gekauft haben.

Bei den nach Oklahoma Deportierten zerbrach die Union zwischen schwarzen und roten Seminolen. In der neuen Reservation waren die Seminolen eine Minderheit und diejenigen mit afrikanischen Vorfahren, waren noch mehr in der Minderheit, die schließlich ausgegrenzt und wieder versklavt wurde. Bis heute gibt es Streit um den Indianer-Status schwarzer Seminolen in Oklahoma.

Quellen: Siehe den Eintrag von gestern, und:
http://www.seminoletribe.com/
http://en.wikipedia.org/wiki/Black_Seminoles
http://www.johnhorse.com/
ryuu - 10. Feb, 12:15

Boah, das ist ja irre spannend. Danke für's Erzählen!

MMarheinecke - 11. Feb, 09:13

spannender Stoff

(und damit meine ich nicht den zum Quilten).

Der Ex-General und spätere US-Präsident Andrew Jackson, der den "Indian Removal Act" verbrochen hatte (und damit mehrere Kulturen und hundertausende Menschenleben auf dem Gewissen hat, ohne den die Geschichte des amerikanischen Westens auch weniger "wild" gewesen wäre, weil es ohne die von ihm initierten Vertreibungen gar keinen Grund für die "Indianerkriege" gegeben hätte ) zählt übrigens noch heute zu den "Nationalhelden" konservativer weißer US-Amerikaner. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass er Gründer der "Democratic Party" der USA war (er war Frauenfeind und Rassist, außerdem alles andere als liberal).

LuciaS - 11. Feb, 10:08

interview

ich hab hier ein interview gefunden mit einer 16jährigen seminolin die christlich und traditionell aufwächst.
recht spannend.
ein netter satz aus dem interview...
"Die Frauen sind für den Haushalt verantwortlich und die Onkel sind sehr stark in der Erziehung der Kinder mit eingebunden - nicht der Vater. Der Vater gehört eigentlich nicht richtig zur Familie, er ist wie ein Besucher, da er nicht dem gleichen Clan angehört."

http://www.floridasunmagazine.com/files/artikel/interviews/int-mercedes.html

und hier ein interview mit ihrer mutter...
zitat:
"Sehen Sie Unterschiede zwischen Seminole und amerikanischen Frauen?
Amerikanische Frauen sagen immer, dass sie erst mal ihren Mann fragen müssen, besonders wenn es ums Geld oder Ausgehen geht. Das bin ich nicht gewohnt. "
http://www.floridasunmagazine.com/files/artikel/interviews/int-virginia.html

distelfliege - 11. Feb, 13:10

Danke,

..find ich interessant!

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