Bodecea - 27. Jun, 15:07

Ist mir zu polemisch...

Ich fühle mich von deinem Meckerstadel nicht persönlich angegriffen, Distel, das vorneweg - ich hab ja meine eigenen, teils vagen, teils kaum vorhandenen und teils jährlich wechselnden "Feierrituale", und sie beschränken sich - ich gestehe - manchmal auch einfach nur darauf, mit Freunden oder auch nur mit meinem Freund am Lagerfeuer zu klönen.

Ich kann auch deine Position verstehen, dass es dir - und sicher manchen anderen auch - stinkt, wenn "große vereinigte Paganistenwelt" (oder wie immer man das nennen will) dazu neigt, unhinterfragt - aus Bequemlichkeit? - Jahreskreisvorstellungen und mystische Inhalte von den Wicca zu übernehmen, ob es nun passt, stimmig ist - oder auch nicht.

Trotzdem finde ich deine Kritik kränkend und überzogen für jene, die aber nun mal die Jahresfeste eben so feiern. Weil sie es richtig finden, weil sie es schön finden, weil sie es stimmig finden. Vielleicht auch nur aus dem Bauch heraus. Na und?

Auch wenn du schreibst, du hast "Respekt vor wirklich tief empfundenem, nachvollzogenem und verstandenem Gott+Göttin Fruchtbarkeits-Hetero-Kult" - ich finde, dieser Respekt scheint nicht gerade immer hervor. Und überhaupt - wie tief verstanden, nachvollzogen und empfunden muss es denn sein, bis man das so feiern „darf“?

Es klingt bei dir, als sei jede(r), der nun mal die Feste so feiert, wie du es beschreibst, und dabei am Ende auch noch Sex oder Schwangerschaft vorkommen, ein total spießiger, blöder, heterofixierter und denkbefreiter Piefke, außer, er hat darüber sehr lange darüber meditiert und kann es sehr gut begründen.

Ich könnte meine eklektischen Mischmaschbräuche nie so genau begründen, das gebe ich zu. Wenn ich Wicca wäre - ich würde mich durch deine Wortwahl verletzt fühlen, auch wenn ich meine Hetero-Pärchen-tralala-Romantik "genug" durchdacht hätte.

Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass der „Leidensdruck" durch die auferlegten "Heidendogmen" so groß ist, dass man nicht einfach sagen kann – „mach du dein, meins ist es nicht, ich mach dafür das, hier, schaut mal, das ist meine Alternative, die stell ich hiermit auch mal zur Diskussion“ - und zwar ohne (so viel) Polemik.

Wenn ich mir vorstelle, in einem Blog würde ein Heide (oder was immer) so über den Islam schreiben oder das Christentum - ich wäre unangenehm berührt.

Bodecea

distelfliege - 27. Jun, 16:05

Antwort @Bodecea und Kai

hMjo....
Was habe ich eigentlich erwartet. *g*

Ich würde auch nicht sagen, daß der Leidensdruck derartig groß ist, daß man dauernd herumdissen muss. Deswegen mache ich das ja auch nicht dauernd. Klar, dieses Jahr hab ich das einmal gemacht, das war aber nicht hier im Blog... soweit ich mich erinnere.
Aber da ist subjektiv durchaus ein Leidensdruck da bei mir.

Bodecea, du hast ein paar gute Fragen gestellt. Zum Beispiel diese:
"Und überhaupt - wie tief verstanden, nachvollzogen und empfunden muss es denn sein, bis man das so feiern „darf“?"
Ja gut, ich seh da eben das Problem, daß jede Mehrheit sich immer dem "Verdacht" aussetzt, eben weils die Mehrheit ist, einfach übernommen und nachgemacht zu haben, und zu wenig sich selbst angeeignet zu haben. Also zu sagen "Ihr habt euch ja alle ins gemachte Nest gesetzt" - wenn das gar nicht von außen zu beurteilen ist, wie man in das Nest nun reingeraten ist, ist fies - allerdings mach ich das auch nicht, sondern ich schreibe über gemachte Nester und wer sich dann mit Vorwürfen überladen fühlt, hat sich den Schuh selbst angezogen.

>>Es klingt bei dir, als sei jede(r), der nun mal die Feste so feiert, wie du es beschreibst, und dabei am Ende auch noch Sex oder Schwangerschaft vorkommen, ein total spießiger, blöder, heterofixierter und denkbefreiter Piefke, außer, er hat darüber sehr lange darüber meditiert und kann es sehr gut begründen.<<

Krass gesagt, das, was du da so wunderbar auf den Punkt bringst, soll auch so klingen. Das offene Hintertürchen ist: "sehr lange darüber meditiert und sehr gut begründen können". Und da befinde nicht ich darüber, wie ausreichend jemand darüber meditiert hat und ob die Begründung denn gut genug ist, für Andere - ob sie für MICH gut genug ist, darüber befinde ich nach wie vor.
Wie wäre es z.b. damit, daß jeder, der NICHT auf Gott+Göttin Polarität steht, ein weltabgewandter, naturfremder Spinner und gar kein richtiger Heide ist, der den ganzen Tag nix anderes tun kann als biologische Tatsachen zu leugnen, den Rhythmus des Lebens verneinen, usw? Und das Ganze natürlich ohne Hintertürchen, also nix mit "ausser, er hat darüber lange meditiert" - nein, das ist schlicht so, solche Leut sind gar keine richtig tollen Heiden. Religiöse Intoleranz? Ich weiß schon, was das ist.

>>Wenn ich mir vorstelle, in einem Blog würde ein Heide (oder was immer) so über den Islam schreiben oder das Christentum - ich wäre unangenehm berührt.

Wär ich Christin, würd ich sicherlich ab und an so über das Christentum schreiben. Wär ich Muslimin, würde ich sicher ab und an über den Islam abziehen. D.h. du kannst ja nicht sagen, "ein Heide schreibt so über Christentum oder Islam" sondern dann müsstest du sagen: "Wenn ich mir vorstelle, in einem Blog würde ein Christ so über das Christentum schreiben etc."

Ich bedanke mich aber mal für euer Feedback :)
Wenns mir auch emotional damit nicht gut geht, rein logisch betrachtet war das zu erwarten, ich habe schließlich gesagt: Wenn man 2 Jahre nicht mehr als frustige Emanze bezeichnet wurde, ist die Duftmarke verflogen" - alternativ könnte man auch sagen - "religiös intolerante Doofkuh".

Ich würde auch nicht sagen "Gut, ich schreibe das alles nur, wegen dem großen Leidensdruck, weil ich krank bin in der Birne, verzeiht mir, blabla."
Zum Teil ist das richtig, aber nur zum Teil.
Ich muß dazu wohl oder übel stehen, weil diese intolerante, "männerhassende", Anti-Hetero (dabei bin ich selbst hetero) Herumpolemisiererei, das ist auch etwas, was ich denke, was hin und wieder dem Gesamtgefüge ganz gut tut.

Und @Kai, wenn du wirklich deine Männlichkeit befreit und positiv besetzt hast, dann überlebt sie auch eine Distelsche Pinkelmarke. Sollte eigentlich locker drin sein.
Deine Meinung kannste und sollste natürlich sagen, aber ich denke nicht, daß ich hiermit nachhaltigen Schaden anrichte und ich halte es für sehr unwahrscheinlich, daß WIR Heten (ich bin auch eine!) uns in Zukunft bei heidnischen Treffen verstecken müssen.

>>Es tut mir echt leid, Mädels, wenn ihr mit mir, meiner Religion und meinem Geschlecht solche Probleme habt. Nur das ist echt nicht mein Problem.

Richtig, es ist nicht dein Problem. Hab ich auch nie behauptet. Du befasst dich in der Regel wenn, dann freiwillig damit. Im Einzelfall - z.b. jetzt, befasst du dich unfreiwillig damit - kenn ich gut, die Situation. ;-)

Ahoi
Distel
eidechse - 27. Jun, 16:13

meines erachtens geht es nicht vorrangig um "heidendogmen" sondern das dogma der heteronorm, und wie diese sich in und durch "heidereien", so möchte ich es mal umschreiben, vollzieht. das jetzt auf religöses zu verkürzen führt meines erachtens auf einen etwas verschobenen blick... wie soll ich es anders sagen bzw verdeutlichen, äh..
ich vermute, wenn hier in dem blog eine kritik an patriarchalen verhältnissen einer heid_in am islam oder christentum stehen würde, gäbe es auch keine peinliche berührung deinerseits. es geht demnach und immer noch meines erachtens eben nicht nur um ein "mach du deins, ich mach meins".
ich vermute auch, dass, um mal bei dem beispiel mit patriarchats kritik zu bleiben, dass heidens nicht peinlich berührt wären, wenn ein etabliertes heidnisches ritual kritisiert würde, das vorrangig die vormachtposition eines patriarchen symbolisierte, vielleicht auch symbolisch einer frau den mund verbieten bzw sie in ihren angestammten 'natürlichen' platz in zweiter bis dritter reihe verweisen würde oder ähnliches... naja irgendsowas halt, was man sich eben als beispiel für ein patriarchales ritual hernehmen könnte.
ich vermute mal, dass bei einem solchen beispiel eine kritik, die über ein :"meins ist es nicht, ich mach dafür das, hier" hinaus geht, nicht als unangenehme berührung verhandelt würde, sondern gar als berechtigt gelten würde, als auch zustimmen laut würden, die sagen: "diese art der kritik muss sich eine relgion stellen".
nur... so meine vermutung.
unabhängig davon ob ich mit der vermutung richtig liege oder nicht... MUSS sich heidnisches genau dieser kritik stellen, wie jede andere religion und jeder anderer teil der gesellschaft auch.
"heteronorm stinkt halt nicht nur bei heidens sondern überall" mein motto zum vorabend des TCSD (remeber! stonewall was a riot!)
distelfliege - 27. Jun, 16:19

thx, exe

Genau darum gehts unter anderem, also das meinte ich eben in meiner Antwort an Bodecea und Kai. Wenn das nur mein innerpsychisches Problem wäre, dann würde ich sagen: Ok, ich bin halt krank in der Birne und gut. (Bin ich vielleicht auch *gg*)

Ich denke halt, es ist für das Gesamtgefüge "Heidenszene" gut, ab und zu solche Pinkelmarken zu setzen. Immer nur die nette Distel sein die so schöne Sachen näht und so schön positiv die Welt betrachtet und so schön singt etc. - he, das ist geil! Hätt ich gerne andauernd - but that's not how the world is, baby.. (zitiert nach Paul Simon).
Bodecea - 27. Jun, 16:52

Jo...

Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich irgendwie darauf angespielt habe, dass deine Kritik irgendwie aussagt, dass du "krank in der Birne" bist oder was immer... das denke ich auch nicht. Nicht mal, dass du ne frustige Emanze bist, das bin ich schon selbst, ätsch ;-).

Ich habe dir so etwas hier nicht unterstellt, das weißt du.

Ich finde nur, dass deine - in meinen Augen berechtigte - Polemik gegen ein unhinterfragtes Nachplappern religiöser Vorstellungen einer einzelnen „Heidenschiene“, nämlich des Wiccas, in eine Polemik gegen die Glaubensinhalte übergeht.

Und selbst das finde ich nicht einmal vom Inhalt her bedenklich - "Hetero-Normen" und "natürliche göttlich gewollte Geschlechtsunterschiede" und „universelle Poliritäten“ sind auch bei mir keine Glaubensinhalte und ich sehe sie, weniger bei Wicca, mehr bei manchen Asatru mit Bauchgrimmen. Das kann man – kritisch! – hinterfragen und sich dagegen positionieren – und ich finde es gut, dass von Leuten wie dir, aber auch anderen Heiden selbst so etwas passiert.

Schade finde ich einfach, dass dies in einer Form vorgebracht wird, die weniger zum Nachdenken und Diskutieren bei allen Beteiligten anregt, sondern eher in einer, in der sich manche - eben Wiccas - abqualifiziert und beleidigt fühlen (und eben nicht danach, zu hinterfragen und zu diskutieren).

So wie du dich abqualifiziert und beleidigt fühlst (nehme ich mal an), wenn man dich als „weltabgewandter, naturfremder Spinner und gar kein richtiger Heide ist, der den ganzen Tag nix anderes tun kann als biologische Tatsachen zu leugnen, den Rhythmus des Lebens verneinen“ bezeichnet.

Bei solchen persönlichen Aussagen fehlt mir von beiden Seiten der Respekt, der nötig ist, Diskussionen über den ersten verletzende Schlagabtausch hinaus zu führen.

Ich persönlich finde das schade, nicht zuletzt, weil doch – zumindest war es bei mir bisher so – in der Praxis und im gemeinsam erarbeiteten Ritual Platz ist für viele Vorstellungen des Göttlichen. Vielleicht hatte ich einfach bisher – den gesamten Götterinnen sei Dank – zu wenig mit „Profis“ zu tun.

Und was den Vergleich mit Religionen angeht – man kann das vielleicht eher als Konfessionsdebatten verstehen, finde ich. Schließlich bist du keine Wicca. So wie bei Katholiken gegen Protestanten. Du bist sozusagen Luther – und das Wicca die katholische Kirche ;-). Na ja, passt auch ned, Luther war ja Katholik...

Bodecea
distelfliege - 27. Jun, 17:05

Huhu Bodecea

Nee, das krank in der Birne ist meine eigene Formulierung in Bezug auf "Leidensdruck ist groß" :)

>>Ich finde nur, dass deine - in meinen Augen berechtigte - Polemik gegen ein unhinterfragtes Nachplappern religiöser Vorstellungen einer einzelnen „Heidenschiene“, nämlich des Wiccas, in eine Polemik gegen die Glaubensinhalte übergeht.

Es ist eben keine Polemik gegen unhinterfragtes Nachplappern. Es ist eine Polemik gegen die Selbstverständlichkeit, mit der die sog. "Heteronorm" sich in Glaubensinhalten breit macht, über den Umweg ist das hier Verhandelte der Glaubensinhalt selbst!
Das "Nicht-nachplappern" ist eine angebotene Türe, durch die man gehen kann, d.h. wenn man sagt "Ok, ich plappere die Heteronorm nicht nach, sondern ich empfinde das für mich als stimmig und für mich passt es so" ist man eh nicht mehr bei der kritisierten Gruppe dabei.
Wenn man dann aber sagt: "Wiesooooo das ist in der Natur eben so und wenn du net der Meinung bist, bist du aber komisch" ist man automatisch dabei beim Angepinkelt werden, und diese Reaktion ist der Regelfall bei zu wenig Nachdenken über das, was man selbst eigentlich glaubt. Wieso darüber nachdenken? Es ist doch eh normal. Es ist doch selbstverständlich. Jeder ist doch so.

Daß dann natürlich sich Leuts, die drüber nachdenken und es für sich einfach gut finden, nicht weils eben normal so ist, sondern weils ihr Weg ist, trotzdem verletzt fühlen, finde ich auch schlecht, allerdings - ich bin auch nicht direkt Profi darin, im Schonschleudergang Glaubensinhalte zu kritisieren.

Viele Vorstellungen des Göttlichen, völlig gleich selbstverständlich nebeneinander - siehst du das als bereits realisiert an? Ich nicht.

>>So wie du dich abqualifiziert und beleidigt fühlst (nehme ich mal an), wenn man dich als „weltabgewandter, naturfremder Spinner und gar kein richtiger Heide ist, der den ganzen Tag nix anderes tun kann als biologische Tatsachen zu leugnen, den Rhythmus des Lebens verneinen“ bezeichnet.

Wie gesagt, ich bekam kein Hintertürchen angeboten. Natürlich habe ich mich abqualifiziert und beleidigt gefühlt!
Und gerade weil ich das so nicht mit gleicher Münze heimzahlen will, habe ich das Hintertürchen eingebaut.

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