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Wallraff macht ein komisches Gefühl

Nachdem sich in letzter Zeit die Meldungen im TV häuften, dass Günter Wallraff mal wieder eine Enthüllungsreportage/Undercover-Aktion als angepinselter Schwarzer absolviert hat, muss ich ja hier mal sagen, dass ich beim Ansehen dieser Berichte ein ganz komisches Gefühl hatte. Wie Wallraff schwarz angemalt wird, war zu sehen, wie er eine Karnevals-Afro-Perücke aufkriegt... ich weiss nicht.
Mir war das peinlich, mir sowas als Weiße anzusehen. "Boah, da muss ich mich als Weiße ja vor Schwarzen schämen" dacht ich mir so.
Was sagen eigentlich Stimmen aus der afrodeutschen Community zum Thema Günnis neuer Film?

Wallraff als Undercover-Schwarzer auf black.in.nrw Blog

"Ein angemalter Weißer ist kein Schwarzer"; Interview mit der Autorin Noah Sow

Deutsche Welle über den Film - darunter ist ein Audio-Interview mit einem afrodeutschen Politologen, Kani Tuyala, über den Wallraff--film anklickbar.

Es gibt da also schon verschiedene Stimmen dazu, was ich auch besser gefunden hätte, wäre, wenn Wallraff einen echten Schwarzen mit versteckter Kamera begleitet hätte, also seinen Prominentenstatus eingesetzt hätte, damit Erfahrungen von Schwarzen mehr Öffentlichkeit bekommen, ohne sich selber dabei zwangsläufig in den Einzelkämpfer-Heldentums-Mittelpunkt stellen zu müssen...
Karan (Gast) - 28. Okt, 09:18

Bei mir hat Wallraffs Projekt auch einen seltsamen Beigeschmack hinterlassen. Ganz anders als der Selbstversuch von John Howard Griffin, vor 50 Jahren in Amerika. Das war wirklich Zivilcourage...

http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/5283/in_der_hochburg_des_hasses.html

distelfliege - 28. Okt, 11:47

den Artikel hab ich gestern auch gelesen - am Rande kommt vor, dass es auch da von Schwarzen Kritik gab, z.b. Malcolm X der in dem Artikel auch zitiert wird.
Wobei ich sagen muss, dass die zwischen Mut und Übermut ein schmaler Grat ist, und grad bei Griffin hätte das wirklich übel enden können - ihm fehlten da auch die Überlebensstrategien, die "echte Schwarze" erwerben mussten.

Ergänzend muss ich dazu sagen, dass ich beide Projekte schon auch gut finde, weil sie das Thema Rassismus präsent machen. Aber die Maskerade von Wallraff ist halt echt peinlich. Wallraff, hab ich gestern auf Youtube gesehen (und den Link nicht mehr parat) hat über Noah Sows Kritik gesagt, dass es gut und wünschenswert wäre, wenn aufgrund seines Films die Bücher und Filme der echten Schwarzen mehr Aufmerksamkeit bekämen. Dann hätte der Film ja noch einen weiteren Nutzen. (Und nennt den Titel von Sow's Buch prompt falsch... argh, peinlich!!! "Schwarzweiss oder so" - neeeeieeen, das Buch heisst "Deutschland Schwarz Weiss") Da hat er dann auch wieder recht.. es wär nur weniger traurig, wenn die längst vorhandenen Filme und Bücher wirklich mal geguckt und gelesen würden.

*winks*
MMarheinecke - 29. Okt, 19:21

Irgendwie kommt mir Wallraff "billig" vor

Schon bei seinem Buch "Ganz unten", wo er sich als "Ali" verkleidete, hatte ich dieses Gefühl, dass es ihm mehr um Selbstdarstellung als um die investigative Recherche ging. Und das, obwohl die Tarnung damals längst nicht so karnevalesk war, wie die schwarze Schminke in "Schwarz-Weiß".

Griffin hat eine Menge riskiert. Wenn ich lese, dass er Methoxsalen und UV-Licht benutzte, um wirklich dunkelhäutig zu werden - was meines Erachtens mit einem enormen Hautkrebsrisiko verbunden ist (er stark allerdings an den Folgen seiner Diabetes ) - dann habe ich den Eindruck, dass es ihm bitter ernst war. Er hat ja auch viel Einstecken müssen. Zu seiner Zeit, und in den Südstaaten der USA, war eine Under-Cover Aktion dieser Art , ungeachtet der nachvollziehbaren Kritik Malcolm Xs, richtig und wichtig.

Wallraff riskierte nicht viel, enthüllte (so weit ich weiß) nichts, was nicht längst bekannt ist und seine Aktion ist eher karnevalesk. Ich finde es schade, dass ein zurecht berühmter Undercover-Journalist sich auf diese Weise selbst demontiert.
Medousa - 28. Okt, 20:08

Ja geht mir auch so, irgendwie gemischte Gefühle dabei... aber ich glaub, wenn ein "Aussenstehender" was macht, dann sieht er oft auch mehr und anderes als die, die schon ihr Leben lang drinstecken, weil für die ist der ganze Mist schon so alltäglich, dass sie ihn oft schon gar nicht mehr wahrnehmen. Die innerliche Distanz, die man in so nem Fall behält, ist da evlt. auch hilfreich.

Ok hätt er sicher auch besser machen können, aber immerhin bringts evtl ne Diskussion in Gang.

Bodecea - 29. Okt, 10:51

Mh... ich fand die letzten paar Wallraff-Aktionen für ihn ungewöhnlich - ja was? Halbherzig? Unentschlossen? Auch das, wo er ein paar Tage Obdachloser gespielt hat, um festzustellen, dass das Leben als Obdachloser nicht leicht ist (ach).

Ich hatte über seine letzte Aktion in der Zeit gelesen und war etwas befremdet über diese Verkleidung, die echt aussah wie eine "Mohrenmaskerade" vor 50 oder 100 Jahren... bzw. mit dem 70er-Jahre-T-Shirt sah er aus wie grad aus einem US-Discotanzfilm entsprungen...

Na ja. Heiligt der gute Zweck die Mittel?

Bodecea

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