Ist auf Englisch, und man muss zwei Youtube-Videos gucken um zu verstehen worum es geht - ich schaue sehr ungern 20 Minuten am Stück Videos an. Aber diesmal hab ichs gemacht:
http://redefiningcraft.dennisstevens.net/?p=111
Artikel von 2007 von Dennis Stevens auf
"Redefining Craft".
Was mir auffällt als Unterschied zwischen der Methode der Guerilla Girls und dem Aufstieg des "Do it Yourself-Movement" in Amerika - Letzteres ist zwar auch irgendwie cool, aber auch "brav und ungefährlich" in dem Sinne, als daß es halt fast NUR konstruktiv ist, a la "happy happy dudeldu, ich kann was selbst machen und kreativ sein" und nicht destruktiv a la "Ich bin gegen die Scheisse, die abgeht".
Bei den Guerilla Girls lag der Schwerpunkt zwar erst auf Destruktiv und Protest, aber die Form des Protestes war von Anfang an Kunst und damit in sich auch konstruktiv, und deshalb sind sie letzendlich auch selbst als Ausstellerinnen zur Biennale von Venedig eingeladen worden, nehme ich an.
Während ich also diesen Gegensatz konstruktiv-destruktiv sehe und beim DIY-Trend das destruktive Element vermisse, sieht Dennis Stevens auch den Gegensatz zu Professionalismus als KünstlerIn und dem Element des "Jede/r kann Kunst machen." In Bezug auf den Profi-Künstler-Status und alles, was das mit sich bringt, ist die DIY Bewegung (Do-it-Yourself) in sich ein kritisches Element, und das finde ich toll. In diesem Zusammenhang ist z.b. auch gehäkelter rosa Kitsch eindeutig Drag und ein politisches Statement gegen das kulturell verordnete Niveau dessen, was "Kunst" zu sein hat und dessen, welcher Medien sich KüstlerInnen zu bedienen haben, und dessen, was Künstlerinnen im Leben anzustreben haben, wie sie sich zu präsentieren haben - das ist beileibe nicht "JEDER kann kreativ sein" - sondern "ICH bin supercool und die Masse der Menschen sind Loser"...
Eine Wanderung durch das ethnologische Museum in Berlin vor 3 oder 4 Jahren brachte mich mal auf den Gedanken, daß die Alltagsgegenstände von sogenannten "Naturvölkern" die vor 100 Jahren diesen durch Kolonialisten entrissen wurden, eine ganz krasse Ästhetik haben:
Sie sind wahnsinnig komplex gearbeitet und zeugen von hochentwickelter Handwerkskunst und bedienen sich aber gleichzeitig hoher Abstraktion und ganz einfacher Designs. Ich habe mich gefragt, wie es sein muss, mit wenigen, aber auf höchstem Niveau von Handwerkskunst und Design hergestellten Dingen zu leben. Und ich merke jetzt, daß die sogenannte "Lo-Fi-Kultur" diese Werte zwar gerne vertreten würde, daß aber oft genug schnell zusammengenähte und -gestrickte Ramschsachen dabei rauskommen, die noch viele Meilen entfernt sind vom Niveau der jahrhundertealten handwerklich hergestellten Alltagsgegenstände vorindustrieller Kulturen.
Und ich denke, im Zuge des kapitalistischen Ausverkaufs der DIY-Bewegung, der auf Portalen wie Etsy und Dawanda längst im Gange ist, wo durch die Hintertüre aus der "Anti-Sweatshop" Bewegung wieder neue private Sweatshops entstehen - wird die DIY Bewegung dieses vorindustrielle Niveau von Machart und Design auch niemals nur annähernd erreichen. Weil letztendlich ist das zeitaufwändiger als man denkt und für einen Einzelnen nicht leistbar. Und es ist auch von einer kleinen Firma, die sich letztendlich an Profit orientieren MUSS, nicht leistbar. Es wäre leistbar von mehreren Menschen, die dem Prozess des Handwerklichen mehr Bedeutung zumessen als "nur" Protest, das müsste man mit quasi religiöser Hingabe machen - hm... und dazu fehlt einfach die Zeit und die zwischenmenschlichen Strukturen, also soziale Strukturen.
Und - um eben dieses Niveau zu erreichen, müssten wir noch VIEL weiter weg von dem "egomanischen professionellen Künstler" hin zu gemeinschaftlichen Formen des Kunstschaffens. Ich denke, das wird so nicht passieren. Weil sobald die "Handarbeits"Bewegung aufgesaugt wird von der Kunstszene, ist auch irgendwann Schluß mit dem "Das kann jeder, lasst uns Zusammen.." und es geht wieder los mit "Ich bin Künstlerin und mein Gestricktes ist cool und die Masse, das sind eben Loser".