In diesem Beitrag gehts eigentlich um eine linke-Szene Diskussion - wenn Du mit der linken Szene nicht so vertraut bist, ist der Beitrag vielleicht nicht so interessant für dich. Ich schreibe ja extrem selten was über meinen "linken Kram" und deshalb denke ich, liest den eh kaum wer mit der/die damit gross was anfangen könnte, und die meisten, die mich hier (netterweise) lesen, wirds nicht interessieren.. ich habe mich entschlossen, das trotzdem zu posten, einfach so für mich, um meine Gedanken zu äussern. Denn ich bin nun mal links *g*
Wenn ihr den Beitrag kommentieren wollt, dann am besten wenn ihr euch auch mit dem Thema beschäftigt habt und das ein oder andere Feminismus-Antirassismus-Blog lest... kann sein, daß ich mit den Kommentaren zu dem Thema sehr streng bin, weiß ich noch nicht. Gerade weil ich selten Politblogge.
Zum Thema Facebook-Benutzung: Ich habe mir neulich über den Sinn von einer Freundesliste, um politische Meldungen usw. zu teilen (wie so ein Google-Kreis) Gedanken gemacht. Einerseits möchte ich manchmal Politkram teilen, andererseits möchte ich nicht unter z.b. Beiträgen zum Feminismus die Meinungen von (meist sind's ja welche) Hetero-
Cis-Männern lesen, die alles relativieren und abwiegeln und ins Lächerliche ziehen. Ja, solche hab ich auch in meiner Facebook-Freundesliste..
Oder beim Thema Rassismus: der "ewige Weiße" der/die dann im Vollbesitz ihres "Es war ja alles gut gemeint"-Sorglos-Films so daherredet, als wär er/sie immer und überall stets weiß unter weißen - und Schwarze und
People of Color, wenn sie nicht gleich mit veralteten Formulierungen bezeichnet werden, werden sie gar nicht mitgedacht und als potentiell Mitredende ausgeblendet.
Gut, bei mir passiert das im Facebookstream eigentlich nicht, denn für mich ist Facebook nicht öffentlich und ich möchte da Auseinandersetzungen nicht in der Härte haben, wie sie in der Öffentlchkeit (hier im Blog z.B.) möglich sind. Ich habe eine eigene Freundesliste dafür erstellt und politisches Zeug teile ich nur mit denen. Denn da möchte ich einen Raum haben, wo einfach nur Infos ohne das übliche
Derailing-Geunke weitergeteilt werden sollen. Und selbst wenn das Derailing-Geunke mir persönlich als Preis das wert wäre, mehr Leute zu erreichen oder gar die Dinge öffentlich zu teilen: Ich weiß nicht ob ich das meinem FB-Freundeskreis antun möchte, denn die können das Derailing-Geunke ja auch lesen und ärgern sich darüber.
Ich z.B. bekomme es meistens mit, wenn eine Freundin* von mir (Meist bekomme ich Politkram zu lesen wenn ihn Frauen* teilen..) sowas teilt und deren Freundeskreis dann drunter unkt. Und anhand dessen dachte ich gerade drüber nach und dachte: Ach, von der Warte hab ich das noch gar nicht betrachtet! Ich erspar ja nicht nur mir einiges, sondern auch meinem FB-Freundeskreis.
Btw: Gibt es eigentlich schon
"Derailing for Dummies" auf deutsch? Ich habe das mal erfolglos im Netz gesucht.
Da ich mich in letzter Zeit wieder mehr mit dem Lesen über *ismen (Sexismus, Rassismus und Co.) beschäftigt habe, stolperte ich über eine Auseinandersetzung, die in der deutschen antirassitischen linken Szene wohl gerade läuft. Auf dem "no border Camp" in Köln im Juli haben sich wohl einige Konflikte ergeben und jetzt ist das Drama leider wieder groß.
Ich kam eigentlich zu dem Thema, weil ich einen Artikel von
Viruletta bei der Mädchenmannschaft gelesen und mit diskutiert hatte zum Thema "Schwarze Widerstandssymbole auf weißen Köpfen". Es ging um Dreadlocks bei Weißen.
Ich fand den Artikel mal ganz gut und das Thema, das eh sehr selten besprochen wird, "cultural appropriation"/"kulturelle Aneignung" ist ein Thema, bei dem sich einige Weiße, auch ich selber, einfach schwer tun. Viele denken z.B. dass die Kritik an der kulturellen Aneignung von marginalisierten Kulturen durch Weiße bedeuten würde, daß jede/r nur noch die "eigene" (was ist das?) Kultur ausdrücken dürfe und in so einer essentialistischen Soße enden könnte. Was ich nicht finde, denn das Problem bei der k. Aneignung ist das von oben herab "aneignen" im Unterschied zum Austausch und lernen auf Augenhöhe und mit Fairneß. Aber ich schweife ab. Trotzdem noch schnell ein Link zu einem zweiten Artikel zum Thema
Die Politik Schwarzer Haare von accalmie, deren Blog
stop!talking ich auch gerne lese. Und der super empfehlenswert ist, weil er einen Überblick gibt und auch aktuelle Beispiele bringt.
Also, eine Freund_in von mir fand den Artikel nicht gut und erzählte mir dass auf dem
no border Camp in Köln vor kurzem Weiße unter Druck gesetzt wurden ihre Dreadlocks abschneiden zu sollen und daß der Artikel (von Viruletta) doch vom Tonfall sehr empört und die Autorin sehr von der eigenen Denkweise überzeugt wirkte, was an die Vorgänge auf dem Camp erinnert.
Dann las ich, da ich eh krank im Bett lag diese Woche, ein paar Texte über das Nobordercamp und ja, anscheinend war's verheerend.
Ich persönlich finde es sehr, sehr jammerschade, denn ich begrüsse es sehr, wenn endlich - als ob wir hier nicht rückständig genug wären - aktuellere Theorien von "Race" und "
Critical Whiteness" hier ankommen und diskutiert werden. Besonders den CW-Ansatz finde ich voll nutzbringend und spannend! Naja, und dann haben wir Linken wieder mal nix Besseres zu tun als uns wieder voll miteinander anzulegen. Ich hoffe wirklich sehr, dass die weißen Linken den Streit um Definitionsmacht und wie man Weiße wann und wo kritisieren soll/kann/darf nicht zum Anlass nehmen, das Kind mit dem Bad auszuschütten. Ich wünsche mir, daß weiße Linke weiter an CW interessiert bleiben. Gna, grad fängts an spannend zu werden, und dann das. Nicht ein erneuter Showdown wie bei den bescheuerten "
Antideutschen vs. Aintiimps"
Wobei ich sagen muss, dass die Kritik der "Antideutschen" auch ihre Berechtigung hat und hatte. Leider blieb von der Debatte mehr das peinliche Geprügel unter Linken in Erinnerung als die Inhalte der Debatte selbst, die mir vor Jahren bei der Arbeit in einer Bäckerei der dortige Konditorlehrling auseinandergelegt hatte. Das war echt eine tolle Szene, an die ich mich gern erinnere. Konditorlehrling referiert für Bäckerlehrling die Debatte zum Antisemitismus in der Linken und die Antideutschen an und für sich, beim Herstellen von Mürbteig und Krokant. Damals habe ich mit dem Teigschaber in der Hand wirklich einen Aha-Moment gehabt und kann ein wenig von beiden Seiten verstehen. Die Diskussion zieht sich ja bis heute durch. Aber zurück zu Antirassismus usw.
Für mich, und ich glaube, für sehr viele Andere auch, ist
Noah Sow's Buch "Deutschland Schwarz Weiß" einfach DAS wichtige Werk, das die akademisch und irgendwo am Rande herumgeisternden Critical Whiteness und Rassismus-Theorien genommen hat und sie in eine verständliche, knackige, gut zu lesende Sprache gebracht hat. Dadurch hat sie einfach mal nen Riesenfortschritt in der politischen Bildung bewirkt, und was mir auch sehr gefällt, ist, daß dem Buch das tätschelnd-behütende fehlt, nach dem Weiße alles dürfen, solang sie es irgendwie gut meinen und sich engagieren wollen. Da gehts endlich mal um weiße Privilegien und wie Weiße endlich mal runterkommen sollen von ihrem Roß, und ihre Augen öffnen sollen dafür, daß sich nicht die ganze Welt nur um sie dreht. Dabei ist das Buch trotzdem die ganze Zeit einfühlsam - immerhin wendet sich das Buch hauptsächlich an Weiße. Noah Sow schenkt Weißen mit diesem Buch sehr viel Aufmerksamkeit und widmet sich "uns Weißen" mit Liebe und Humor.
Und ich sehe, wie es weiter- und auch aufwärts geht aus dem Sumpf der unbewussten Wohlmeinung und "white Charity" über die Köpfe von PoC und Nichtdeutschen hinweg, über Critical Whiteness hin zu einer Möglichkeit sich mehr auf Augenhöhe zu begegnen und dann gemeinsam was machen zu können, also mit Weißen und PoC gemeinsam. Das ist super.
Ich kann ja nur von mir selbst reden und ich finde schon, daß mir heute mehr Texte und mehr Diskussionen auf deutsch oder in der dt. Blogosphäre und Politszene zur Verfügung stehen oder halt mir öfter übern Weg laufen, als vor 10 Jahren. Auch die Verbindung von Feminismus und Antirassismus wie bei der
Mädchenmannschaft ist etwas, was ich immer öfter bemerke und das gefällt mir sehr gut.
Ich hoffe, dass auch nach dem Nobordercamp-Debakel eine Offenheit da sein kann und die Diskussion weitergehen kann, ohne daß Gruppengerangel das Thema nun für Jahre überschattet.
Zwar haben Weiße nach allem was sie im Vollbesitz ihrer Privilegien und Sekundärtugenden verbrochen haben, imho nicht den Anspruch darauf, daß ihnen weiterhin von PoC alles nachgetragen und der Hintern abgeputzt wird, aber ihnen die Nase barsch und erbarmungslos ins Häufchen reinzudrücken bringt halt letztendlich auch nichts, weil die Leute entwicklungsmässig so schnell nicht hinterherkommen. Den meisten wirds ganz schwer fallen, erst mal einzugestehen, dass sie privilegiert sind, und wer mit uns Weißen die Geduld aufbringen kann, das mit einzurechnen, auch und gerade in Situationen, wo man's als PoC ausnahmsweise nicht sowieso _muss_, dem/der bin ich halt einfach dankbar.
Weiße sollten aber auch nicht zu lange warten mit dem Dazulernen, weil wenn schon ein Zeitfenster offen ist, in dem ihr (PoC) nach vorne kommt und eure Stimmen erhebt, sollte das unbedingt gehört und umgesetzt werden.. denn wenn nicht, werdet ihr euch aus verständlichen Gründen wieder unter "euch" organisieren und wir Weißen schmoren wieder in so einem peinlichen white-Charity Saft den wir uns selber einbrocken. Also, wenn Weiße es hinkriegen, zuzuhören, ihre Abwehrreaktionen in den Griff zu kriegen und es verbreiteter wird, es sich einbürgert, dass wir nicht machen, dass sich alles immer um unsere weißen Befindlichkeiten dreht, wäre das toll und sehr wünschenswert. Weil das habe ich auch schon oft genug erlebt und das übe ich selber mich anders zu verhalten, und das lässt sich echt sehr gut an.
Allerdings liest sich das, was ich las, eher desillusionierend. Vielleicht sind wir schon längst mitten drin im nächsten Szenestreit. Ich habe sowohl die Klagen in der Jungle-World gelesen, nach dem Weißen "Redeverbote" erteilt worden wären, und die Klagen von PoC, dass Weiße die ganze Zeit nur über sich selbst und die ihnen angeblich erteilten "Redeverbote" geredet hätten, anstatt sich über die Kritik der PoC inhaltlich Gedanken zu machen. Wem soll man da glauben? Ganz ehrlich - ich habe schon genug Abwehrreaktionen der Privilegierten gesehen, zum einen, um mir gut vorstellen zu können, daß Weiße wahrscheinlich welche hatten. Und ich habe es seitens PoC noch nie im Leben erlebt, daß diese der weißen Mehrheit "Totschlagkritiken" und "Redeverbote" erteilt hätten. Tatsächlich habe ich seitens PoC immer viel Geduld erlebt, viel Bereitschaft, trotz Frustration mit weißer Dominanz mit Weißen zusammen Allianzen zu bilden und innerhalb dieser Allianzen oft zurückzustecken und die Weißen da abzuholen wo sie stehen. Ich habe immer nur erlebt wie PoC bereit waren, Weißen zuzuhören. Insofern kann ich mir das nur sehr sehr schwer vorstellen, daß eine Gruppe von PoC gekommen wäre und auf dem Noborder Camp Angst und Schrecken verbreitet hätte... Vielleicht kamen Leute an und hatten die Schnauze voll und forderten Dinge ein. Vielleicht hat das viele Leute überfordert.
Mir kommen die Berichte und Beschwerden vieler mehrheitlich weißer deutscher Aktivist*innen im Tonfall ein wenig vor wie "Schmerzensmann-Gewinsel" im feministischen Kontext. Nicht alles. Aber manches. Was mich auch in der Jungle World störte, sowohl beim Artikel
"weiß sein, Schnauze halten" als auch beim
Interview mit Vassilis Tsianos, ist, dass die Leute die Begriffe komisch verwenden. PoC scheint für sie nicht "People of Color" = Nicht-weiße, von Rassismus betroffene Menschen zu heissen, sondern sie verwenden PoC so, als wäre das eine Partei oder Aktivist*innen-Gruppe. So wie CDU. Und critical whiteness verwenden sie nicht wie eine Theorie, sondern wie eine Art "Gebotskatalog" oder wie eine Art dogmatische Sektenreligion. Das finde ich echt ätzend, weil das irgendwie eine Wirklichkeit formt, die gute Begriffe und Ansätze gleich wieder zu was "schlechtem" münzt. Dann kann damit wieder nicht arbeiten. Das ist doch kacke.
Und was ich auch so von außen sehe, was mir auffällt: Daß "gute" und "schlechte" PoC gruppiert werden und gegeneinander aufgestellt und aufgerechnet werden. Die "guten" nennt man "MigrantInnen" und die "unbequemen" nennt man "PoC" als wären das verschiedene Gruppen von Menschen.. hm.. das sieht mir mit Verlaub auch aus wie so ein typischer "teile + herrsche" Mechanismus. Das finde ich auch kacke. Es ist doch selbstverständlich, daß Flüchtlingsaktivist*innen, Migrant*innen und andere PoC nicht alle derselben Meinung sind, und naja, das hat einen recht faden Beigeschmack für mich, wenn Weiße diese unterschiedlichen Positionen nehmen und gegeneinander ins Feld führen.
Es mag und kann ja so gewesen sein, daß "Reclaim Society" aus Berlin und Andere dort wirklich total unangenehm und dogmatisch waren, das ist auch nicht mein Punkt, ich war auch nicht dabei. Mein Punkt ist dass in den Nachwehen der Auseinandersetzung zwischen den Gruppen politische Begriffe wie critical whiteness und "Person of Color" etc zu etwas anrüchigem umgemünzt werden könnten, dass es mir so erscheint, daß viele Weiße wirklich ihre Abwehrstrategien feiern, und daß die Äusserungen von PoC oft nicht als deren politische Meinung als Individuen erscheinen, sondern immer als eine Stimme, die "für alle PoC steht" und demnach wird dann mit verschiedenen Meinungen von PoC eine Aufrechnerei betrieben von Weißen. Was dazu führt, daß diese Stimmen auf so ne "Argh" Art und Weise instrumentalisiert werden von weißen deutschen Leuten, auf beiden "Seiten".
Tjaja, die Probleme. Das klingt ja nicht so gut erstmal. Aber es ist ja nicht so als wären diese Phänomene neu oder unbekannt und deshalb verwunderts mich natürlich nicht.
Also, ich finde das unterm Strich gut dass es da Austausch gibt, das Thema weiter vorangetrieben wird, und hoffe einfach dass das weitergeht und wir's irgendwie hinkriegen trotz der Tatsache dass wir natürlich Probleme haben (müssen) und es Entzweiungen gibt (das liegt auch irgendwie in der Natur der Sache, oder soll ich Struktur der Sache lieber sagen).
Um den Bogen zurück zu schlagen zu "cultural appropriation" und den Frisuren: Ich habe auch bei "Reclaim Society!" auf deren Materialseite den Flyer gefunden, den sie benutzt haben um beim Nobordercamp Weißen mitzuteilen, ihre Dreads stante pede abzuschneiden. Wayne es interessiert,
der_die findet den Flyer hier. Jaaa mei, sooooo schlimm finde ich es nicht, einen Flyer mit einer Schere drauf zu verteilen. So lange niemand gezwungen wird? Dass auf Flyern und Plakaten es plakativ zugeht, ist ja normal. Da steht auch, daß "Mohawks" bzw. "Iros" nicht gehen, und ich habe ja nun keine Dreadlocks mehr, aber einen Iro. Auf der Suche nach einer Frisur, die nicht anmassend, aber auch nicht zu langweilig ist, habe ich mir dann einen Hinterkopf-Iro gemacht. Nur um rauszufinden,
dass die Irokesen damals gar nicht die heute als Punkerfrisur bekannte Frisur trugen, sondern eher einen Hinterkopf-Iro, bzw. einen Oberkopf-Iro. Na toll, ganz super. Aber ja mei. Auf jeden Fall habe ich jetzt ne Punkerfrisur, die kein Iro mehr ist, sie entspricht auch nicht der Frisur, die bei den Irokesen gebräuchlich war, und sie gefällt mir inzwischen auch, und ich bin damit zufrieden.
Hier ungeordnet das, was ich so gelesen habe, vielleicht ist ja was für wen dabei:

summer... is gone