Vorsischt, es gibt keine Triggersternchen...
Ich schreibe das hier vom Standpunkt einer weißen Teilzeitfeministin aus, die seit 10 Jahren keine Uni von innen mehr gesehen und sich stattdessen einem Handwerksberuf verschrieben hat. Zwangsläufig bin ich also bei einigem theoretisch nicht so up to date, aber bin dankbar für hilfreiche Kommentare..
Gestern war ich auf dem Jubiläumsfest der
Mädchenmannschaft, sie feierten 5-Jähriges.. das war tagsüber sehr schön und entspannt. Aufgrund von Arbeit am Vortag bis spät in die Nacht und Arbeit am kommenden Tag ab relativ früh am Morgen wollte ich am Samstag eine sehr ruhige Kugel schieben. Deshalb haben wir einen spontanen "Stricktreff on the run" eröffnet, indem
eidechse und ich (und dann kam noch die
Faserpiratin) uns in ein sonniges Eckchen gesetzt haben und mit Fähnchen und Flyern gerüstet dem öffentlichen Stricken gefrönt haben.
Wir waren dann auf der Diskussion über die 5 Jahre Mädchenmannschaft, was hat sich geändert und wie gehts so und wie gehts weiter? und das war interessant und sehr nett.
Dann gingen wir was essen und danach strickten wir unten weiter und hörten uns
Phia an (toll).
eidechse musste dann zur Arbeit und ich ging nach oben und der
Workshop zu häuslicher Gewalt, der mich eigentlich interessiert hatte, war schon in vollem Gang. Ich habe mich dann noch reingesetzt und das war dann doch noch sehr interessant! Mitten im Workshop bekamen einige die Nachricht aufs Smartphone, dass nebenan nun die Diskussion zum Online-Aktivismus vs. Aktivismus im "Richtigen Leben" losging und gingen diskret rüber, ich allerdings nicht, denn ich hatte kein Smartphone und bekam auch gar nicht mit dass welche gingen, und so verpasste ich sie - als ich dann nach dem Ende des Workshops rüberging, wurde die Diskussion 5 Minuten später wegen rassistischem Bullshit von einer der Veranstalterinnen abgebrochen.
Dem voraus ging auf
Facebook schon ein klein wenig Diskussion, soweit man bei dem, was in Facebook-Kommentaren an Tiefe möglich ist, von Diskussion reden kann. Denn auf dem Berliner Slutwalk die vorige Woche verkleideten und bemalten sich augenscheinlich weiße Aktivistinnen als verschleierte Muslimas, und forderten Dinge wie "unveil women's rights to unveil" und "Free women from religious oppression" (Recht auf Entschleierung, gegen religiöse Unterdrückung). Das geht gar nicht, zum einen weil es "Blackfacing" ist, wenn Weiße sich als rassistisch Unterdrückte verkleiden und als diese verkleidet dann sprechen - ob der Sprechakt dann an sich nochmal beleidigend ist oder nicht, ist wurst, weil schon diese Verkleidung und so tun als ob furchtbar sind. (Auch die Günter Wallraff Anpinslerei damals war furchtbar, btw - ich verlinke das jetzt aber nicht). Und zum anderen geht das nicht, weil man nicht auf einer Demo, die die Botschaft hat, Frauen könnten tragen, was sie wollen, die Botschaft vermitteln kann, Frauen seien erst dann frei und nicht unterdrückt, wenn sie sich entblättern. Das ist einfach ein ellenlang wiedergekäuter Islamfeindlicher Klischeetopos. Anstatt Muslimas selbst anzuhören, was diese zum Thema Verschleierung und Feminismus zu sagen haben, verkleidet man als Angehörige der Mehrheitsgesellschaft sich selbst als solche und gibt zum Besten, was der eigenen Meinung am Niqab furchtbar unfeministisch ist. Jaaa ganz super.
Aber damit ja nicht genug, denn die Kritik am Slutwalk ging auf jeden Fall noch weiter und mehr in die Tiefe, Ressourcen dazu hat
Accalmie auf ihrem Blog "Stop!Talking" mit 15 Links zu entsprechenden Texten bereitgestellt. (auf englisch) Kurz geht's darum, dass es an und für sich super ist, gegen das Hinschieben der Schuld zum Opfer sexualisierter Gewalt zu protestieren, dass aber für einige Menschen das zurückfordern und positiv umdeuten des Wortes "Slut"/"Schlampe" nicht funktioniert. Beziehungsweise, daß das Zurückfordern dieser Begriffe fast nur aus einer privilegierten weißen Mittelschichtsposition möglich ist. Warum der Slutwalk auch klassistische Ausschlüsse produziert, hab ich
da gelesen bei Clara Rosa. Und da überschneidet sich das bzw. geht auch direkt in das Thema Rassismus/Kolonisierung über. Das Bild von Frauen wird erst in die ehrenwerte und die Hure/Schlampe aufgespalten, und in einer Welt, wo wohlhabende Weiße Women of Color sexuell ausbeuten, im Katalog bestellen, und halt den ganzen Scheiss, finden diese es halt nicht so cool und lustig sich den Begriff Schlampe zurückerobern zu sollen - das habe ich jedenfalls aus diesen beiden Texte
Hier und
Hier, die
beim brauen Mob und
Accalmie verlinkt wurden, mitgenommen. Übrigens hat sich, hörte ich am Abend bei der Mädchenmannschaftsparty, der Slutwalk Hamburg deswegen umbenannt, in den schönen klangvollen Namen
"enter_the_gap".
Wo war ich? Achso, also diese Kritik gab es, und dem Lesen nach auf Facebook und wie ich gehört habe, auch am Abend der Mädchenmannschaftsparty, haben Slutwalk-Orga-Frauen* darauf mit Ausflüchten und Gejammer, Unverständnis und live in der Diskussion mit unangemessenem rassistischen Verhalten reagiert. Und die wurde ja dann wie schon erwähnt abgebrochen. Was cool war, was ich aber auch leider halb verpasst habe, war, dass es ein spontanes Panel auf der Musikbühne gab von 5 Women of Color -
Nadia Shehadeh,
Noah Sow,
Sabine Mohamed,
Accalmie und
Daniele Daude von Bühnenwatch - die alle auf der Veranstaltung als Vortragende beteiligt waren, wo sie einfach klar und deutlich gemacht haben, dass Rassismus und gerade Alltagsrassismus aus ihrer Perspektive keine abstrakten linken Politprobleme sind sondern sie damit täglich zu tun haben. Und Bullshit Bingo - Was sie nicht mehr hören wollen. Was aber trotzdem ständig kommt... das war sehr cool und kraftvoll. Andererseits war es auch ärgerlich und unangenehm für mich, erkennen zu müssen (und andere Weiße, mit denen ich geredet hatte danach) dass wir das nicht überrissen hatten, früher und deutlicher einzuschreiten. Naja, ich bin sowieso so spät dazu gekommen, dass ich mir sowieso zu unsicher war, was zu sagen. Weil ich halt auch die vorweggegangende Diskussion nicht mitgekriegt hatte. Aber es war ja vorher abzusehen gewesen dass es zu einer Rassismusdiskussion kommt, und ich persönlich - spät kommen hin oder her - hatte mir auch nix zurechtgelegt a la "was mache ich, wenn..". Das nicht machen zu müssen, ist halt auch ganz klar ein Privilegiending. Sich vorweg Überlegungen zu sparen oder zu "vergessen" sich zu überlegen, wie man reagiert, wenn - das passiert erst gar nicht wenn man nicht in der privilegierten Position ist. Ja, das hat mich schon geärgert. Ein paar mit denen ich geredet habe, haben sich auch über die mangelnde Moderation geärgert, die das Einschreiten gegen kritikresistente Äusserungen dem spontanen Gruppenprozess überlassen hat und keine Regeln durchgesetzt hat.
Was ich positiv fand, war auf jeden Fall das Gespräch mit der Clique der FibrePiratess, und ich kam mir im Vergleich zu den selbsterklärten Provinzlerinnen und deren echt fortschrittlicher Meinung selbst ein wenig zurückgeblieben vor, haha. Das war gut, dass wir danach noch so rumdiskutierten bzw. nochmal über die Diskussion und Rassismus redeten und das ohne das unter Weißen verbreitete Derailing und Abwehrreaktionen. Ich denke, sonen Kram muss weißmensch einfach auch üben und sich nicht nur in der Theorie da reinfummeln, sondern im "echten Leben" reagieren lernen. Wenn man, wie eine aus der netten Gruppe sagte, nicht noch 2 Stunden überlegen kann wie man den Kommentar formuliert...
Ich bin ja sonst eher eine, die sich zwar feministisch und links positioniert, aber nicht mit der linksten und feministischsten Bildung herumprotzen kann... vielleicht bin ich auch schon zu lange in keiner akademischen Szene mehr unterwegs gewesen, um "mithalten" zu können... hmja.. ich dachte nur, es sollte beim Selbermach Sonntag der Mädchenmannschaft dazu was geschrieben werden, und bislang war noch nix dazu in den Kommentaren.. was ich schade finde. Also, dann von mir so das als Bericht..
Was ich mir auf jeden Fall vornehme, für ein nächstes Mal: Wenn schon vorweg erkennbar ist, dass es eine Debatte um Rassismus gibt wo mit ziemlicher Sicherheit diskriminierende Sachen gesagt werden - vorher überlegen wie und was man sagen kann und sich das vornehmen. Und zweitens, nicht alleine reinkommen und sich alleine irgendwo hinsetzen. Ich glaube, das wird nüscht mit intervenieren so ganz alleine im Eck,
wie es so schön in dem Text "Just one ally" steht. Also vorher überlegen und jemanden mitnehmen und vorher schon gemeinsam überlegen was man machen/sagen könnte.
Hier noch Links zu anderen Texten zum Event:
Und so sah mein schnell gebastelter Wimpel für den spontanen Stricktreff auf "MMwird5" aus:
