[>>]

Die urbane Spinnstube, Episode 62: Greenwashing - der große Rant

Heute gehts um Stricken, (nicht viel Neues zu berichten), Spinnen wie wild, Greenwashing und Ökogewissensterror, Wasserfarbe für Gestalter und ein Teechen.

Baum für die auf der Flucht Gestorbenen.
Baum für die auf der Flucht Gestorbenen, Ton Steine Gärten Fest 2013

Hier geht es zum Download:

hinweisgrafik podcastdownload
http://www.spiritvoices.de/pod/ep62.m4a


download episode 62

Wenn ihr die Datei als mp3 benötigt für euer Abspielgerät, könnt ihr die Adresse oben kopieren und hier im Online-Konverter eingeben. Dieser konvertiert sie direkt von meinem Webspace und bietet euch danach die Datei als mp3 zum Herunterladen an.
Zum Abonnieren habe ich diesen Feed:
http://feeds.feedburner.com/distel
Und direkt in iTunes zum abonnieren öffnen lässt sich der Feed mit diesem Link:
itpc://feeds.feedburner.com/distel


Housekeeping:
Danke für eure Kommentare, Alienne hat sich darüber auch gefreut! Ich erwähne die Podcasts Knitmore Girls, Subway Knits, Never not Knitting, Knit Knit Cafe, Twinneedle und Just one more Row.
Danke fürs Flattren an swanni und Heike! Ich habe meine Flattr-Projekte, also was ich unterstütze, abonniert, von uns deutschsprachigen Podcasterinnen kann man Jademond und die Fibrepiratess flattren (ausser mir jetzt).
Ich war am Wochenende bei Ton Steine Gärten beim Aktionstag der Via Campesina.
Und bin immer so verschnupft und verröchelt. Pöh.

Stricken

Vor 5-6 Wochen habe ich die Naive Socks von Spilly Jane angeschlagen und habe noch nicht mal 3/4 davon geschafft! Ich bin jetzt halb mit dem Bein des 2. Sockens fertig.
Die 3fingerhandschuhe für die Nichte sind fertig, leider zu spät, der Winter ist ja vorbei. Hoffentlich passen sie im Herbst noch.
Es gibt ausserdem ein Yarnbombing aus Walliser Schwarznase-Wolle, das ich schon länger stricke und eine Maschenprobe für den Ribby Cardi von Bonne Marie Burns habe ich aus Eiderwolle handgesponnen gestrickt.

Erzählt mir was über eure "ideale Nadeltasche"!

Spinnen
Ich habe ganz viel Pommersches Landschaf kardiert und habe viele Batts. Ich hab auch süddeutsche Merinoflocke kardiert und 2 Stränge Effektgarn daraus gesponnen, und ein Artyarn aus grüner Landschafwolle mit Stoffstreifen und Merino, Corespun und Auto-wrapped mit Restesingles von anderen Spinnprojekten.
Jetzt habe ich die Kardiermaschine gereinigt und daher bleibt sie jetzt bis Samstag zum Spinntreffen unbenutzt, haha.


urbane Selbstversorgung
Hier geht es um Greenwashing, eine kritische Bezeichnung dafür, dass Unternehmen sich als ökologisch und verantwortungsbewusst darstellen, obwohl es dafür keine hinreichende Grundlage gibt.
Wikipedia: Greenwashing (deutsch)
Wikipedia: Greenwashing (englisch)
Letztes Mal ging es ja um LOHAS und was ich damit für ein Problem habe.
Zur Diskussion bei Ravelry (Link zum Beitrag von Murmansk, der die Diskussion einleitet, und danach geht es auch noch weiter. Ravelry Mitgliedschaft ist erforderlich, um mitlesen zu können.)
Erwähnt werden auch noch:
Die Belehrungen von Herlitz gegenüber SchülerInnen.
Es geht auch darum, dass soziale Gerechtigkeit und Ökologie ein zusammenhängendes Thema sind, weil die Konzerne, die die natürlichen Ressourcen ausbeuten, auch die Menschen ausbeuten, und dies geschieht hauptsächlich auf dem Rücken von Armen. Es kann also nicht sein, dass arme Menschen, die auf der Seite der Ausgebeuteten stehen, dafür beschuldigt werden, dass wir ökologische Probleme haben, während sich die Verursacher, besonders Konzerne, mittels Greenwashing von der Verantwortung reinwaschen und Verantwortungsbewusstsein vorspiegeln.
Syngenta und die Blühstreifen - Syngenta belehrt und "erzieht" BäuerInnen zu ökologischerem Verhalten, während sie anderswo die Lebensgrundlage von KleinbäuerInnen zerstören durch die Kommerzialisierung des Saatgutmarktes und Verbotspolitik traditionellen Sorten gegenüber.
Aktuell gibt es übrigens wieder mal einen offenen Brief/Petition zur Saatgutvielfalt von Arche Noah in Österreich, den ihr mit unterzeichnen könnt.

Was ich gerade toll finde:

Wasserfarbe für Gestalter von Felix Scheinberger

Teechen:

"Freche Göre", ein Kräuter-Früchte-Tee von Bohea, meiner Lieblings-Kiez-Teehandlung.
Naseen (Gast) - 24. Apr, 12:37

Schwarznasen

Huhu Distel,
ich höre eben den Anfang Deines Podcasts - wie immer hocherfreut - und mir kam zu den Schwarznasen diese Doku in den Sinn... falls sich jemand für diese Rasse interessiert...
http://www.youtube.com/watch?v=8kyN8wI9NJM
Ich war kürzlich beim Backnanger Wollfest - quasi mein Ersatz für Leipzig, da viel näher - da waren auch ein paar Schwarznasen... die Wolle habe ich jedoch noch nicht zum Spinnen gehabt.
Ganz herzliche Grüße!!!
Und vielen Dank für den Podcast!!!
Naseen

distelfliege - 24. Apr, 17:05

Danke :-) ich fand die Fotos von den Schwarznäschen soooo süüüß! Die schnuckligen Lämmchen... hach.
eidechse - 25. Apr, 10:57

spannende doku, danke naseen!
Mirtana - 24. Apr, 15:36

Das mit dem widerlichen "Geflügelfett mit Hautresten" war vermutlich ich in dem langen Artikel über (Industrie-)Zucker. Ich hab das Segment "Urbane Selbstversorgung" auf meinem Spaziergang im Stadtgarten gehört und zum Thema Greenwashing fielen mir direkt zwei Dokumentation über den WWF ein, die vor etlicher Zeit mal im WDR liefen. Darin ging es auch um Greenwashing im großen Stil und wie WWF Hand in Hand mit Großindustrie-Unternehmen versucht die kleine Frau Schmidt von der Straße zu veräppeln und ihr ein gutes Gewissen unterzujubeln während man an ihr eigentlich nur das Geld aus der Tasche ziehen will.

Mich persönlich würde wirklich mal interessieren inwiefern sich diese Schönfärberei überhaupt auf das Konsumverhalten auswirkt. Denn zum Beispiel so eine Wurst wo hinten drauf steht was Widerliches drin ist wird trotzdem gekauft, sonst wäre sie schon lange vom Markt verschwunden. Gerade in meinem (beruflichen) Umfeld fällt mir das immer wieder auf daß zwar groß über jeden neuen Lebensmittelskandal geschimpft und gewettert wird und trotzdem keiner irgendwo so etwas wie eine Konsequenz daraus zieht wie zum Beispiel keine Fertiggerichte mehr zu kaufen. Mittlerweile hab ich auch gelernt auf solche Diskussionen einfach nicht mehr einzugehen, sie laufen leider immer gleich und enden immer gleich.

Und zum Schluß gute Besserung für Deinen Husten!

distelfliege - 24. Apr, 17:05

stimmt, das war bei dir im blog!

http://blog.mirtana.net/2013/04/die-sache-mit-dem-zucker/

Das war auch ein interessanter Text, fand ich.
Micha (Gast) - 25. Apr, 10:22

Ausstellung

Danke wieder mal für die superinteressante tolle Folge! Falls du es übersehen hast, bis morgen gibt es in Berlin ja noch eine Ausstellung von Felix Scheinberger und Aljoscha Blau im AID, Infos auf der Website von Felix Scheinberger.
Herzliche Grüße, Micha

distelfliege - 25. Apr, 16:08

Da werde ich das wohl nicht mehr hinschaffen.. danke für den Tip und den Kommentar!
eidechse - 25. Apr, 11:29

hach, deinen podcast hören war wieder richtig gut.
und so sehr es mir auch spass gemacht hat gastpodcastend dabei zu sein, so sehr hat es mir jetzt spass gemacht als zuhörerin lauschen zu können.
danke für's podcasten liebe distel.

distelfliege - 25. Apr, 16:08

danke :) liebe Alienne!
ella (Gast) - 26. Apr, 10:46

hm, verstehe ich das jetzt richtig, das lohas scheiße sind, weil sie auf das greenwashing von konzernen wie mac d oder herlitz reinfallen und damit letztlich die falschen konzerne unterstützen? sind denn alle lohas, die du kennst, echt so doof? oder bin ich in meinem kleinen vorzeige- ökostädtchen hier bloß zu verwöhnt von all den gebildeten lohas, die sich alle mühe geben, ihr geld möglichst sinnvoll einzusetzen, in dem sie den größten teil ihrer lebensmitten von bauernmärkten, garten coops, bioladen coops etc beziehen? ich glaube, ich kann deinen ärger schon nachvollziehen, aber ich denke auch, das bei weitem nicht alle leute, die einigermaßen wohlhabend sind und gerne grün leben wollen, damit diesen überheblichen und letztendlich gehaltlosen lifestyle fahren, den du kritisierst. ich bin jedenfalls ganz froh darüber, dass viele wohlhabendere menschen ihr geld für (echte) bio- lebensmittel und fair& sozial produzierte kleidung etc ausgeben. anstatt für sinnlosen schmuck, unter miesesten ausbeuterbedingungen produzierte designerkleidung, vergoldete kühlergrills oder stinkende autos.

distelfliege - 26. Apr, 11:23

Nee, das verstehst du falsch. Ich habe eigentlich nie gesagt "LOHAS sind scheisse", sondern "LOHAS" ist ein problematischer Lifestyle und obwohl ich ihn selbst versuche so gut es mir möglich ist, umzusetzen, muss ich daran gewisse Kritik äussern.

Warum der LOHAS Lifestyle problematisch ist, habe ich ja in der letzten Folge ausgewalzt. Bitte nicht vergessen, dass "LOHAS" ein Lifestyle ist und nicht unbedingt eine Person ein "LOHAS" ist, sondern es gibt halt Menschen, die diesen Lifestyle toll finden, und ich finde ihn problematisch.
zwei Hauptgründe:
1. Die Menschen fallen auf Greenwashing rein, wenn sie glauben, durch Konsumentscheidungen würde sich was ändern, und wenn sie Konsumentscheidungen als DAS Mittel ihrer politischen Aktivität wählen. Das ist für mich mehr ein Ausdruck der eigenen Individualität (ein Lifestyle eben) als ein politischer Aktivismus. Es ist ein Lifestyle der sich mit dem Anspruch der politischen Bedeutsamkeit beruhigt und damit auch irgendwie als fortschrittlich über andere Lifestyles erhebt.
2. Es ist unsolidarisch den Menschen gegenüber, die als Arme der Ausbeutung durch eben jene Firmen unterliegen, die auch den Planeten ausbeuten, und es ist unsolidarisch, die "Lifestyles" der "Armen" als weniger gut, fortschrittlich und ökologisch abzuwerten, wenn diese sich den LOHAS Lifestyle einfach nicht leisten können.

Im RAvelry Thread wurde das alles schon kritisiert, dass LOHAS-Bashing meinerseits "Ökos" gegeneinander ausspielt, während es die Umweltprobleme auch nicht löst. Und das habe ich ja diese Folge auch noch mal gesagt. Das ist mir als Problem schon bewusst.

Ich kenne eigentlich kaum LOHAS, ich kritisiere den Lifestyle, wenn du möchtest, sowohl aus antiklassistischer Perspektive als auch aus antikapitalistischer Perspektive. Ich kritisiere, dass der Lifestyle die Ausbeutung von Planet, Mensch und Tier nicht verändert und dass die Ausgebeuteten nicht an diesem Lifestyle teilhaben werden können und er somit Ausschlüsse produziert. Ich lebe z.B. nicht in einem "kleine Ökostädchen" wo viele "gebildete LOHAS" in Co-ops, Märkten und bei tollen Projekten einkaufen. Ich lebe in einem der ärmsten Teile Berlins, in dem gerade massiv gentrifiziert wird, wo viele Menschen, die ich kenne, betroffen davon sind, dass Arme aus der Innenstadt vertrieben werden, und wo die meisten Menschen, die ich kenne, sich eher fragen "Wie zahle ich die Miete" als "Wie kann ich mit meinem Geld einem tollen grünen Projekt" helfen. Ja, und trotzdem sind hier viele Leute Öko und pflanzen urbane Gärten an, die dann wieder den Bezirk aufwerten. Wir vertreiben uns mit unseren Bemühungen, unsere Umwelt schöner und grüner und nachhaltiger zu machen, selbst mit. (Das spricht z.b. auch Richard Reynolds in seinem Buch über Guerilla Gardening an).

Ich bin den "wohlhabenderen Menschen" ja auch ein bischen dankbar dafür, dass sie ihr vieles Geld in faire und bio Sachen investieren - aber trotzdem hat meine Dankbarkeit ihre Grenzen, denn die "wohlhabenderen" (und im globalen Vergleich gehöre auch ich dazu) sind nunmal schwer privilegiert, d.h. der Wohlstand basiert auf Ausbeutung. Ich finde es ein bischen viel verlangt, noch begeistert und dankbar zu sein, weil die Leute "korrekter" und "grüner" ausbeuten als Andere.

In meiner Facebook Timeline erhalte ich jeden Tag ca. 3 Aufrufe, die mich zu ökologischerem Verhalten und Konsum anregen oder mir nahelegen, Produkte zu boykottieren.
Mir steht es einfach bis hier, dass ständig an mich ran doziert wird, und zwar sowohl von wohlmeinenden Einzelnen als auch von Firmen und vom Staat, wie ich leben soll, während die (Firmen) den Planeten zerstören und Menschenrechte mit den Füssen treten.
Zudem finde ich, dass diese Kritik am LOHAS - Lifestyle viel zu selten geäussert wird, ich bekomme jedenfalls kaum etwas davon mit. Von Aufforderungen zum grünen und besseren Konsum bekomme ich allerdings total viel mit. Der Ausgewogenheit halber und ergänzend muss aber mal jemand sagen: "Leute hört mal, verzettelt euch nicht nur in Konsumfragen."

Die LOHAS, die dann gar nicht so oberflächlich sind, müssen eben mit dem Gefühl, von mir unfair bewertet worden zu sein, klar kommen. Ich muss ja auch irgendwie damit klarkommen, dass ich mein geringes Einkommen und mein Dasein in dieser grauen Stadt mit dem ständigen Zeigefingergewedel und dem Facebookslacktivismus und dem Vorleben heiler Ökowelten irgendwie zusammenbringen muss, ohne zu verzweifeln und mir selbst ein schlechtes Gewissen machen zu lassen. Ich meine, ich hab hier und da gesagt, ich lebe selber grün, wie ich es eben kann, und ich finde die "korrekten Konsumentscheidungen" ja auch gut. Das ist meine Anerkennung des Engagements von LOHAS Menschen. Aber ich will auch Solidarität von LOHAS Menschen ärmeren Menschen gegenüber und ich will Selbstkritik (also dass WIR Ökos selbstkritisch sind) und Selbsterkenntnis, dass der grüne Konsum in der korrektesten Ko-Op noch immer nichts hilft, wenn der von Landgrabbing vertriebene Kleinbauer auf der Flucht im Mittelmeer ertrinkt. Und ja, Landgrabbing zum Anbau von Bio-Sesam, it's a thing! Kleinbauern vertreiben für Bio-Palmölplantagen für Rapunzel- Bio-Aufstriche - it's a thing.

Was ich so im Weltagrarbericht las, legt ja nahe, dass regional + bio super sinnvoll ist, das ist ja auch gut. Aber Bio und Grün sind leider längst ein Markt auf dem viel Geld gemacht wird, und selbst Traditionsbiobetriebe sind nicht mehr "sicher gut" - Konsumentscheidungen sind megaschwierig und werden schwierig bleiben.
ella (Gast) - 27. Apr, 09:58

wow, so eine ausführliche antwort, vielen dank dafür! leidenschaftliche gegenreden sind super, wenn sie so schön sachlich bleiben wie deine hier :-) (und das ist nicht ironisch gemeint; deine nachfrage per facebook fand ich total nett, aber ich habe deine gegenrede gar nicht als aggressiv empfunden.)

sei nicht böse, wenn ich kinderbedingt gerade nicht so ausführlich zurückantworten kann, wie ich gern würde.

der knackpunkt unserer diskussion, den ich bisher übersehen habe, ist der, dass konsumentscheidungen also deiner meinung nach gar nicht zu irgendeiner veränderung beitragen können. das sehe ich anders.

ich denke, unter den gegebenen umständen, auch wenn diese nicht für alle zufriedenstellend sind, ist konsum, bzw. eigentlich vielmehr der nicht-konsum bestimmter dinge, der direkteste und wirkungsvollste hebel, den man hat, um etwas zu verändern. wahrscheinlich ist es sogar diejenige möglichkeit, die im vergleich immer noch der größtmöglichen anzahl menschen zur verfügung steht. ich denke auch, dass sich schon eine ganze menge zum besseren geändert hätte, wenn im utopischen idealfall alle das verstehen und entsprechend ihrer finanziellen mittel beherzigen würden.

wie du schon sagst: es ist kompliziert, weil es eigentlich keine möglichkeit gibt, nicht zwangsläufig irgendeinen scheiß zu unterstützen. man kann durch sein konsumverhalten nicht alle probleme gleichzeitig lösen, manche mit sicherheit sogar gar nicht, da gebe ich dir recht. aber wenn man auf billigste packungswurst verzichtet und stattdessen die von dir zitierten bio- aufstriche kauft, unterstützt man möglicherweise die ausbeutung des palmölbauern - aber die eben schonmal nicht mehr die billigfleischindustrie. das mit dem palmölbauern is a thing, ja, und es ist scheiße, eine prolematik zu umgehen und eine andere, noch dazu in einem drittweltland zu unterstützen. aber das könnte man im nächsten schritt angehen. gibt ja in letzter zeit schon einige produkte, die damit werben, kein ausbeuter- palmöl zu enthalten, also scheint da ja etwas vom verbaucherbegehren bei den herstellern angekommen zu sein...

danke jedenfalls für all die denkanstöße. tut immer wieder gut, flöhe ins ohr gesetzt zu bekommen, die einen dazu anregen, mal drüber nachzudenken, ob die eigenen überzeugungen überhaupt noch sinn machen. aber ich denke, es ist auch okay, einfach mal unterschiedlicher meinung zu sein. ich wünschte jedenfalls, mein lebensstil wäre etwas konsumärmer (obwohl wir im vergleich mit den meisten leuten in unserem umfeld schon ziemlich wenig konsumieren) und ich finde es sehr inspirierend, kleine einblicke in deinen lebensstil zu bekommen und zu überlegen, was davon ich auf unsere 5 köpfe hier anwenden kann.
distelfliege - 28. Apr, 01:50

Danke für deine Antwort! Ich sehe das mit dem Konsum(verzicht) tatsächlich skeptischer, zum Beispiel würde ich zu bedenken geben:
Der grösste Teil der Weltbevölkerung praktiziert bereits "Nichtkonsum", weil sie sich schlicht einen solchen Konsum, wie wir ihn in reicheren Ländern haben, gar nicht leisten können. Die Welt, die wir jetzt haben, ist also schon eine Welt, in der "die meisten" "Konsumverzicht" leisten. Und dennoch ist sie nicht gerechter und ökologischer, als sie es im Moment ist.
Das mit dem Palmöl ist ein gutes Beispiel, das war ein Skandal, es gab Unterschriftenaktionen, und jetzt wird fleissig am Markt damit geworben, dass Produkte kein Palmöl mehr enthalten. Gleichzeitig, nehme ich schwer an, sind die Kleinbäuer_innen in Südamerika noch nicht zu Land und Freiheit gekommen, und ich nehme auch an, dass die entsprechenden Länder noch genauso verschuldet sind und in der Pflicht gewisser Freihandelsabkommen stehen, ihre Märkte für westliche Konzerne und ihre Aktivitäten zu öffnen, und dass diese Aktivitäten weiterhin stattfinden. Nur dass das Palmöl vielleicht jetzt anderweitig verkauft wird oder ein anderes Produkt angebaut wird, das noch nicht "anrüchig" geworden ist.

>wahrscheinlich ist es sogar diejenige möglichkeit, die im vergleich immer noch der größtmöglichen anzahl menschen zur verfügung steht.

Hm, da widerspreche ich einfach, weil der Hebel an das Vorhandensein von genügend Geld geknüpft ist, um überhaupt konsumieren zu können. Und die Mehrheit der Weltbevölkerung hat dieses Geld nicht, so dass ihr Nichtkonsum keine freie Entscheidung ist und für die Konzerne keinerlei Bedeutung hat. Viele Menschen müssen 80-100% ihres Geldes für ihre Ernährung ausgeben, da bleibt nix für irgendwelchen anderen Konsum, den man haben kann oder nicht haben kann. Und wenn da Teuerungen stattfinden, dann bleibt die Hungerrevolte als Hebel. Ich meine, laut Amnesty International haben aufgrund der Mißernten der letzen Jahre Teuerungen von bis zu 150% bei Grundnahrungsmitteln in manchen Ländern stattgefunden, mit entsprechenden Hungerrevolten.

Und selbst auf hier bezogen, auf ärmere Menschen bezogen, reduziert sich der "Hebel" ganz schön, denn ich kann ja nur da den Hebel ansetzen, wo ich mit meiner Kaufkraft vote. Und wo keine Kaufkraft, da kein Voting. Du hast zwar geschrieben "Wenn jeder im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten..." so dass ich merke, du denkst das mit, dass nicht jeder Mensch die selben finanziellen Möglichkeiten hat. Dann wiederum klingt das so, als könnten alle, die meisten, die grösstmögliche Zahl so mitwirken. Aber das seh ich schlicht nicht. Ich finde, die Ungleichheiten in der Mitwirkung per Geldbeutel kann man nicht einfach mit einem "Jeder halt wie er kann" einebnen.

Vielleicht habe ich das nur nicht verstanden, inwiefern dieser Hebel der grösstmöglichen Zahl von Menschen zur Verfügung stehen soll. Denn ich meine ja gerade, dass er einer kleinen Minderheit nur zur Verfügung steht.

Ich würde auch sagen, dass wenn eine wohlhabende Minderheit ihren ökologischen Fußabdruck krass reduzieren würde, die ganze Welt besser dran wäre, aber sehr vieles von der Ressourcenvernichtung wird ohne mein persönliches Zutun und nicht in meinem Namen betrieben, und ich kann meinen ökologischen Fußabdruck kaum weiter reduzieren als ich es bisher tue.

Also, im Weltagrarbericht wird z.B. gesprochen von Problemen der Ernährung in "reichen Ländern": Dass wenige, ertragbringende Erzeugnisse (Weizen, Soja, Mais) eintöniger Landwirtschaft zu einer scheinbaren Vielfalt von Produkten industriell aufbereitet wird, und dass Menschen mangelernährt sind dadurch. Klar, würde eine vielfältige regionale und solidarische Landwirtschaft diese Ernährungsprobleme lösen, aber wenn diese Ernährung nur wohlhabenden Menschen zugänglich ist, die sich dann noch damit rühmen, dass nur durch ihre Gelder überhaupt grüne, ökologische und regionale Landwirtschaft bestehen kann, während der dumme Pöbel halt Aldikram frisst, dann finde ich das unsolidarisch und keine Lösung für das Mangelernährungsproblem der Gesamtgesellschaft. Und gönnerhafte "Wir erziehen jetzt mal arme Proleten dazu, dass sie ihren Kindern wieder richtiges Essen kochen" Projekte, hm.. naja.. rahh..don't get me started... Der Hebel, der für mich nicht so systemkonform was macht, ist, wenn sich Projekte und CSA's gründen, wo sich Menschen, die nicht so reich sind, trotzdem grün versorgen können, über Netzwerkeln, Selbstorganisation und Zwischenmenschlichkeit.

Wenn wir "Reichen" unser ganzes Geld in Projekte und Kooperativen von "Armen" stecken, damit die nicht mehr ganz so arm sind, während gleichzeitig unser relativer Reichtum erst entsteht, indem andere arm sind, ist das immer nur Abmilderung und keine Veränderung in der Struktur.
Aber so einfach mit dem "wir hier sind automatisch reich" ist es auch nicht, wenn man mal so guckt, was für Bereiche des Gemeinwesens "reicher Länder" privatisiert werden und was davon die Folgen sind, wer daran dann verdient..

Nach der Logik den "Hebel des Konsums" ansetzen zu können müssten wir uns über Privatsierungen ja freuen, weil wir dann ja auch den "Konsumhebel" ansetzen können, bei Wasserversorgung, Kommunikation, Gesundheitswesen, Medien... usw. Aber so richtig doll ist es dadurch nicht geworden. Stattdessen kann die Mehrheit der Bevölkerung keinen Hebel ansetzen und muss mit dem Vorlieb nehmen, was sie sich leisten kann, während ihr solchermassen "eingeschränkter Konsum" das System nicht grad umstürzt.

Tatsächlich kann man mit bewusstem Konsum bestimmte Dinge ändern:
Innerhalb des bestehenden Systems und innerhalb der privilegierten Schichten eines wohlhabenden Landes können einige Leute ökologischer leben, und vielleicht so eine Art "Streichelzoo" für Biodiversität, Biolandwirtschaft und Handwerk schaffen, der zumindest verhindert, dass Lebensgrundlagen und Wissensschätze, von denen sich die Mainstreamgesellschaft entfremdet hat, komplett aussterben. Das ist in meinen Augen auch etwas wert! Ich denke, das ist vor allem besser als gar nichts!
Aber ich glaube tatsächlich: Die Rechnung "Wenn alle Privatpersonen ökologischer leben würden, dann wäre das Problem gelöst" trifft nicht mehr zu, vielleicht traf sie nie zu.

Leider bin ich ökonomisch echt nicht so fit und wollte eigentlich so richtig in so Neoliberalismus-Globalisierung-Neokolonialismus und so weiter als Thema einsteigen, aber puuuh, auch zu wenig Zeit.

Ich denke auch, man kann ruhig mal unterschiedlicher Meinung sein, und ich finde das total okay wenn Leute so grün und nachhaltig wie möglich konsumieren. Mache ich ja selbst auch so wie ich kann. Aber wenn du z.B. schreibst, du wünschstest, euer Lebensstil wäre konsumärmer, dann tut mir das im Herzen weh, weil das genau diese Art des schlechten Gewissens ist, die Kraft raubt und die angesichts dessen, was ich meine, über die Verhältnisse rausgefunden zu haben, auch objektiv nicht angebracht ist.
Du kannst der Bestie des Raubtierkapitalismus nichts tun, indem du dich immer mehr einschränkst (das tun schon Millionen ungewollt), du kannst eher positiv was tun, indem du menschliches, solidarisches Wirtschaften organisierst und mitmachst, und wenn du Kraft + Zeit hast, politisch aktiv bist.
An Konsumverzicht aus Gründen der eigenen Lebensqualität glaube ich übrigens sehr, also so im Sinne von der Slow-Food Bewegung. Oder an "Konsum mit Gesicht", also regionale Strukturen, die Menschen zusammenbringen, und aus der Vereinzelung holen.
Hmpf, muss aufhören, das geht schon von meinem Schlaf ab... ;)
Schönes Restwochenende!

Trackback URL:
https://distel.twoday.net/stories/346494150/modTrackback

Archiv

November 2018
August 2018
April 2018
Januar 2018
November 2017
Oktober 2017
April 2017
März 2017
Februar 2017
Dezember 2016
Oktober 2016
September 2016
August 2016
Juli 2016
Mai 2016
April 2016
März 2016
Februar 2016
Januar 2016
November 2015
Oktober 2015
September 2015
Juli 2015
Mai 2015
März 2015
Februar 2015
Januar 2015
Dezember 2014
November 2014
Oktober 2014
September 2014
August 2014
Juli 2014
Juni 2014
Mai 2014
April 2014
März 2014
Februar 2014
Januar 2014
Dezember 2013
November 2013
Oktober 2013
September 2013
August 2013
Juli 2013
Juni 2013
Mai 2013
April 2013
März 2013
Februar 2013
Januar 2013
Dezember 2012
November 2012
Oktober 2012
September 2012
August 2012
Juli 2012
Juni 2012
Mai 2012
April 2012
März 2012
Februar 2012
Januar 2012
Dezember 2011
November 2011
Oktober 2011
September 2011
August 2011
Juli 2011
Juni 2011
Mai 2011
April 2011
März 2011
Januar 2011
Dezember 2010
November 2010
Oktober 2010
September 2010
August 2010
Juli 2010
Juni 2010
Mai 2010
April 2010
März 2010
Februar 2010
Januar 2010
Dezember 2009
November 2009
Oktober 2009
September 2009
August 2009
Juli 2009
Juni 2009
Mai 2009
April 2009
März 2009
Februar 2009
Januar 2009
Dezember 2008
November 2008
Oktober 2008
September 2008
August 2008
Juli 2008
Juni 2008
Mai 2008
April 2008
März 2008
Februar 2008
Januar 2008
Dezember 2007
November 2007
Oktober 2007
September 2007
August 2007
Juli 2007
Juni 2007
Mai 2007
April 2007
März 2007
Februar 2007
Januar 2007
Dezember 2006
November 2006
Oktober 2006
September 2006
August 2006
Juli 2006
Juni 2006
Mai 2006
April 2006
März 2006
Februar 2006
Januar 2006
Dezember 2005
November 2005
Oktober 2005
September 2005
August 2005
Juli 2005
Juni 2005
Mai 2005
April 2005
März 2005
Februar 2005

Podcast: die urbane Spinnstube

Aktuelle Beiträge

Das war der #Inktober...
Jedes Jahr im Oktober gibt es eine Zeichenchallenge...
distelfliege - 3. Nov, 13:26
Ist es doch nicht vorbei?
Twoday.net wird anscheinend von Antville übernommen...
distelfliege - 1. Aug, 16:32
It's over now
...Ich werde zukünftig meinen Kram auf meinem Wordpress...
distelfliege - 23. Apr, 09:02
huhu
Inzwischen hat sich rausgestellt, dass ich damals doch...
distelfliege - 16. Jan, 18:33
Füller. Und Schreiben.
Im letzten Beitrag hier habe ich über einen Füllerkauf...
distelfliege - 16. Jan, 18:27

die kleine Erinnerung

anarchistel

Suche

 

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur f�r neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (summary)
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB

Creative Commons Lizenzvertrag
Wenn nicht anders angegeben, stehen die Inhalte auf diesem Blog unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz.

Buttongenerator

der Sidebar-Feedreader..