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Beneidenswert???

Angeregt durch keinen speziellen Kommentar, aber so die Gesamtrichtung, in die der ein oder andere Kommentar in letzter Zeit tendierte:

Ich bin kein "Universalgenie", sondern ein Mensch.

Mir ist klar, daß es nur gut gemeint ist, dass viele meinen, ich fühle mich irgendwie geschmeichelt wenn es heisst:
Ich beneide dich
beneidenswert
wehe, du weisst das nicht zu schätzen wie du immer gleich alles kannst
du Universalgenie..
viele wären sicher froh drum wenn sie in meiner Situation wären, in einer Situation wo ein paar Leute von einem meinen, man könnte alles sogleich, man kriegt alles so gut und so schnell hin, und man wäre ein Genie. Wieso bin ich denn so undankbar dafür?
Vielleicht bin ich so "undankbar", weil es einfach nicht der Wahrheit entspricht, mir fällt nämlich nicht alles einfach so in den Schoss.
Ich kann auch nicht alles "gleich".
Mit dem entsprechenden Elan und wenn einen etwas wirklich packt, beschäftigt man sich fast 24 Stunden am Tag mit nichts anderem! Und man arbeitet enstprechend hart daran! Entsprechend schnell entwickelt man Fertigkeiten und Kenntnisse. Das ist dann bei jedem Menschen so! Unter den Umständen ist es kein Zeichen von Genialität, wenn man schnell Fortschritte macht. Das ist schlicht Normalität. Beispielsweise kenne ich eine Strickerin, die etwa zur gleichen Zeit, als ich mit Patchwork anfing, mit Stricken anfing, und von Anfang an schwierige, reizvolle Sachen strickt. Sachen die manch andere ihr Leben lang nicht anfängt.

Als ich mit Patchwork anfing, war es gleich ein grosser Quilt als Erstlingswerk.
Jeden Tag habe ich gelesen, genäht, und gelernt. Es gibt viele Patchworkerinnen die sich das am Anfang nicht zutrauen. Das ist imho Quatsch, weil ob man viele oder wenige Patchworkteile zusammennäht, und die Gesamtfläche der Arbeit dann gross oder klein wird, ist von der Schwierigkeit her völlig egal. Aber zurück zum Punkt. Viele trauen sich das nicht sofort zu und fangen mit kleinen dingen wie Topflappen an. Gut, okay. Ist aber kein Grund z.b. jemanden wie mich zu bewundern oder anzunehmen ich hätte dafür irgendein Talent. Das war kein Talent. Das war Arbeit. Zwar hat diese Arbeit Spass gemacht, aber es war erarbeitet.

Talent hab ich z.b. für Farbkombinationen oder Bildkomposition, das hab ich mir - jedenfalls nicht das ich wüsste - nie erarbeitet. Das war einfach so da. Wie eben jede/r so für irgendwas ein Talent hat. Ein Talent ist meistens auch keine Sache, die man direkt so verwenden kann. Also z.b. ein Gefühl für Farbe zu haben alleine, das bringt einem nicht viel. Man muss auch was mit Farben machen, z.b. Webdesign oder FriseurIn oder MalerIn oder so, das wiederum muss man lernen. Ich kenne niemanden der z.b. auf die Welt kam und spontan 10 Sprachen sprechen konnte, aber viele, die ein Talent für Sprache haben. Das bringt einem nur nix, wenn man keine Sprachen lernt und regelmässig spricht. Und das ist was? Ja richtig, Arbeit!

Ich bin z.b. sicher auch nicht zu blöde für Linuxkram - ich bringe schlicht nicht die Motivation auf und das Interesse an Betriebssystemen bringe ich auch nicht mit, so dass das Erarbeiten von solchen Dingen für mich nur Quälerei wäre.

Ich hoffe, ich hab hier jetzt mal mit dem Gerücht aufgeräumt, dass ich immer sofort alles perfekt kann. Das ist 'ne Ente. Also gar kein Grund mich für Dinge zu beneiden, die gar nicht vorhanden sind.

PS: Dieser Beitrag ruht in meinem Blog offline seit Mitte Januar (2009-01-21 16:55), ich habe ihn nicht veröffentlicht, weil ich dachte, die Leut gewöhnen sich an die Strickerei hier... aber da das doch noch aktuell ist wird das nun doch mal veröffentlicht.
MMarheinecke - 10. Feb, 11:48

"Genialität ist ...

ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration". Dieser Spruch, der angeblich auf den "Erfinderkönig" Thomas A. Edison zurückgeht, kam mir beim Lesen Deines Beitrages gleich in den Sinn.
Ich bin da etwas vorsichtiger als der olle Thomas Alva, schon weil ich weiß, wie stark Edison vom "protestantischen Arbeitsethos" geprägt bis deformiert war. (Zu Deutsch: ein egomaner, rücksichtsloser, manchmal richtig fieser, Workoholiker.)
Was Du ja (hoffentlich) nicht bist. Ich vermute aber, dass Du vielseitig begabt bist . Dass jemand zugleich handwerklich wie künstlerisch wie intellektuell begabt ist, ist auch nicht eben der Normalfall. Dass Du Deine Begabungen auch, mit einigem Fleiß, aktivierst,, kommt sogar noch seltener vor. Die meisten Menschen, die ich kenne, haben "ihren" Beruf, und "ihr" meist schon seit früher Jugend ausgeübtes Hobby und bringen nur selten genug Enthusiasmus zusammen, um mit viel Energie etwas Neues anzupacken - es sei denn, sie müssen.
Von daher kann ich schon verstehen, dass der oder die eine oder andere Dich für eine Art "Wundertier" halten.

distelfliege - 10. Feb, 12:28

Ich könnte dir spontan einige Leute nennen, die auf den drei genannten Gebiten begabt sind... du selbst zum Beispiel auch.
Und ich kenne auch viele, die Neues lernen und begeisterungsfähig sind und dann auch schnell in ihrem Können fortschreiten. Nicht nur die im Beitrag genannte Strickerin, auch eine die letztes Jahr mit Patchwork begann und jeden Monat immer anspruchsvollere Teile machte bis sie dann die schwersten Muster drauf hatte. Und das alles sehr exakt und handwerklich supersauber. Dann kenn ich Leute die meinen Beruf erst in der "Blüte ihrer Jahre" lernten und so weiter.. ich denke irgendwo sind diese drei Dinge, Hirn, Hand und künstlerischer Ausdruck - Geburtstrecht jedes Menschen. Ich glaube, irgendwo fehlt was wenn einem Menschen eine dieser drei Formen schlechtgemacht wird.
Am öftesten kommt das sicher auf dem Gebiet "Kunst" vor, wo die meisten Leute sich direkt nach dem Schulabschluss jegliche Aktivität mit dem Grund verbieten, nicht begabt zu sein. Dann gibts sicher die KopfarbeiterInnen die sich für handwerklich unbegabt halten und die HandwerkerInnen die sich für blöd halten, aber das ist alles eine Frage einer ungesunden Trennung von ursprünglich "ganzheitlich" zusammengehörigen menschlichen Ausdrucksformen.
Ich glaube daran (es ist nur eine Hypothese, daher kein Wissen, sondern Glauben) dass diese Trennung die Menschen beraubt. Und deshalb mache ich mir persönlich traurige Gedanken wenn meine Sachen, die ich mache und an denen ich mich freuen möchte, andere Menschen sich neidisch fühlen lassen. Um ein Geburtsrecht sollte niemand jemand anderen beneiden müssen.
MMarheinecke - 10. Feb, 20:40

Ich bin handwerklich untalentiert

was aber normalerweise nur Menschen mitbekommen, die mich im alltäglichen Leben kennen. Zwar habe ich nicht gerade zwei linke (bzw. für Linkshändrinnen zwei rechte) Hände und kann, wenn ich mich konzentriere und es gut geübt habe, auch präzise Handwerksarbeiten ausführen - aber wer in meiner Wohnung schon die schiefe Regale oder die fleckigen Anstriche "bewundert" hat, weiß um meine Schwächen. Ein guter Modellbauer oder ein Hobbytischler kann z. B. auf einen Blick sehen, wo ich bei meinen stolz auf ipernity ausgestellten Objekten (Wikingerschiff, Mini-Truhe) "gepfuscht" habe - nur habe ich nicht "gepfuscht", sondern es trotz Mühe und Sorgfalt nicht besser hingekriegt.
"Kein Talent" heißt in der handwerklichen Praxis "mehr Übungsaufwand". Wenn es Spaß bringt oder sich finanziell lohnt (kleine Reparaturen selbst ausführen) bringe ich die für mich nötige Hartnäckigkeit auf, ansonsten eher nicht.
distelfliege - 11. Feb, 00:01

genau, die truhe..

..die fand ich sehr sehr schön!
Ich find grad so handwerkliche Dinge, und da rechne ich mal Handarbeit mit rein, sind sehr viel Übungssache, und der Rest ist eine Sache von professionellem Equipment. :-)
Nightingale (Gast) - 10. Feb, 12:18

*fett unterschreib*

"Talent" ist eins meiner absoluten Kotzwörter, genau aus dem Grund, daß damit oftmals (Lern-)Arbeit für nicht existent erklärt wird. Nur weils Spaß machte ist es doch trotzdem Arbeit.
Mir wolltens aus dem Grund früher im Kunstunterricht teilweise Bilder nicht benoten, weil "ich das ja sowieso könnte" und das deswegen ja keine Leistung mehr wäre. Daß da jahrelange Arbeit dahintersteckte sah ja keiner und glaubte auch keiner wegen dem sch*** "Talent". Außerdem wurd mir damit das weiterlernen erschwert und Leute wollten mir nichts zeigen, damit ich bloß nicht noch "besser" werde. Andererseits wurde ich vorgeführt wie ein dressierter Pudel. Irgendwie hasse ich dieses Leute-sockeln, das damit einhergeht und fürchte mich vor dem Neid dabei. Wenn mir das passiert, fühl ich mich zum heulen schlecht und einsam und hasse meine Bilder. Jo geb zu das ist ein ganz wunder Punkt.
Als wär ich automatisch faul, wenn ich was kann.
Als wär das vom Himmel gefallen und ich hätts nicht verdient.
Was wurde ich dafür schon angehasst.
Da kann man jeden Spaß am machen verlieren.
Nichts gegen Lob und so aber was gegen diese Verselbstverständlichung.
*Argh*
Hab dich übrigens nicht vergessen, bin nur grade etwas gehandicapt. *winks*

distelfliege - 10. Feb, 12:34

jo..

..verstehe ich wie du dich gefühlt hast.
Ich hatte zu meiner Schulzeit auch so ein paar Erlebnisse, wo man einerseits so hingestellt wird als wäre das alles Talent und man hätte keine gute Note verdient, andererseits bekommt man auch nicht die Möglichkeit an sich zu arbeiten, es wird sich geweigert, begabte Kinder zu fördern, kommt mir das vor.
So dass die Arbeit dann daheim stattfindet wo es wieder keiner von der Schule sieht - dass man arbeitet und das nicht "einfach so kann".

Ein Beispiel: Ich habe mich so mit 15 für Irland begeistert und auch für die englische Sprache. Ich habe englische Bücher gelesen, und führte sogar englisch Selbstgespräche. In der Schule hiess es dann seitens einer Mitschülerin: "Es kann nicht sein dass ich die Hausaufaben immer mache und so viel lerne und die (also ich) kriegt eine bessere Note als ich, wo die doch die Hausaufgaben oft vergisst."

Es gab Momente, da habe ich mir überlegt, ob ich mein Zeug überhaupt noch bloggen soll oder ob ich es schlicht in den jeweiligen Communities wie Ravelry, Quiltfriends und co. einstelle und das war es. Weil dort bin ich nicht "besser" sondern eine von Vielen..

Und was man auch mal sagen muss: Man wird meist nicht automatisch beliebt oder mehr gemocht wenn man in etwas gut ist. Das machen sich auch die wenigsten klar.
Nightingale (Gast) - 10. Feb, 12:50

Nachtrag

Eben fiel mir noch ein, wie letztens jemand in einer Comiccommunity unter ein tolles Bild schrieb: "Wow, das ist ja toll entmutigend!" Als Lob gedacht und der Schreiber war sich des Problems wohl bewusst. Aber das ist es echt. Als würde man den Leuten damit was antun.
Grad hab ich "One trick Pony" mal wieder gehört und irgendwie werd ich das Gefühl nicht los, als wenns auch daß wär:

"He makes it look so easy
He looks so clean
He moves like gods
Immaculate machine
He makes me think about
All of these extra movements I make
And all of this herky-jerky motion
And the bag of tricks it takes
To get me through my working day"

Keine Ahnung.
MMarheinecke - 10. Feb, 20:56

Kann ich auch nachvollziehen

obwohl ich das nicht persönlich selbst in der Schule so erlebt habe. (Dass die Schule - jedenfalls zu meiner Zeit - außergewöhnliche Begabungen eher behindert als gefördert hat, darin stimme ich Distel voll und ganz zu. Kleine "Genies" sind für die meisten Lehrer schweren zu "handhaben" als die typischen "Versager". Besonders, wenn es um nicht um die begehrten "Hochbegabten" (in der Schule: Leute, denen das Lernen und Denken trotz Schule leicht fällt und Spaß bringt) sondern um "Inselbegabungen" geht.
Mirtana - 10. Feb, 20:47

Ich bin mit dem Satz aufgewachsen "Ich kann das nicht heißt nichts anderes als ich will nicht!"

Und je mehr ich darüber nach denke, desto mehr muß ich meinem Vater da zu stimmen :-)

Bärin (Gast) - 11. Feb, 18:51

das kann ich absolut nicht...

...unterschreiben. Aus der Haltung resultiert doch oft der Umkehrschluß, daß einer, der partout was nicht hinkriegt, es nur nicht genug will oder gar böse Absicht, Faulheit, Bockigkeit ect. pp. hegt. Mit solchen Unterstellungen seitens diverser Erwachsener bin ich groß geworden. Bin nicht nur von Sportlehrern regelmäßig grob angepackt worden, an den Haaren gezogen und vorgeführt worden.
Frechheit ist das - ich habe echte Probleme mit meiner sensomotorischen Integration und mindestens eine Wahrnehmungsstörung. (nä und man merkt mir das erstmal überhaupt nicht an und Selbstwertprobleme hab ich auch nicht, kann dafür andere Dinge - also jetzt hier nur zur Information)
Da hat man genug zu tun, beim Laufen nicht ständig aufs Maul zu fallen und bekommt auch noch solche Unterstellungen. Als würde man sich freiwillig ständig wehtun oder gar freiwillg unzählige Male bei Führerscheinprüfungen durchfallen. Das ist absurd!
_Nein_ mit gutem Willen ist dem leider nicht beizukommen. Man kann nur mit viel Ruhe und Zeit einige Dinge lernen und verbessern. Und so ist das bei vielen Veranlagungen.
Man sollte schon differenzierter hingucken, warum einer was kann oder nicht kann, warum er das eine oder andere vorgibt und dann in Ruhe überlegen, was der nächste Schritt ist. Sprüche helfen da mal gar nicht!
Boah, was bin ich froh, daß meine Eltern mich so genommen haben, wie ich war / bin. Nicht auszudenken, verpeilt und auch noch selbstwertgestört zu sein. *gna*
distelfliege - 11. Feb, 23:07

ich..

..bin da ambivalent.
zum einen stimme ich der Bärin zu und man kann sicher nicht an alle die selben Normen anlegen. Diesen Aspekt der Norm und dem Entsprechen solcher Normen habe ich aus Platz- und Komplexitätsgründen beiseite gelassen.

zum anderen stimmt der Spruch aber schon, weil wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, und das sehr oft auch trotz vielfältiger dagegen sprechender Gründe. Man darf nur nicht den Fehler machen und meinen das "nicht wollen" geschieht aus böser Absicht oder sei gar Faulheit. Ich habe festgestellt, dass ich nicht bewusst etwas wollen kann, was ich innerlich nicht will und was mich nicht interessiert. Mein Wille unterliegt nur wenig meiner Steuerung. Wenn ich etwas nicht will, kann ich es auch nicht einfach so wollen und ich kann es dann auch kaum lernen weil es mir einfach schwer fällt.
trashqueen - 10. Feb, 21:19

Si, capitana!

Jawoll, auch von mir eine Unterschrift. Talent ist nix, Begeisterungsfähigkeit, Hartnäckigkeit, Freude am Beobachten, Lernen und an Details ist alles.

Manche machen sich's so einfach mit "Ich bin nicht begabt für...". Statt der drei Punkte kann man beliebig einsetzen: Zeichnen, HTML, Sprachen, Mathematik, Sport, Spinnen, Physik etc. Statt mal nachzudenken, wie's kommt. Statt in sich zu gehen und zuzugeben: Es interessiert mich nicht, ich hab kein' Bock drauf. Nee, das Talent muss herhalten.
Und dann aber brav die Kinnlade runterklappen, wenn jemand anderes "ach so viel Talent" hat. Und ignorieren, wie viel Arbeit hinter allem steckt. Und wie viel Frustration.
Und wie viel Spaß, Freude, Eifer, Feuer, Lust am Lernen.

FÜr mich ist das Wort Talent ein sehr rotes Tuch. Alles mögliche wird heutzutage auf irgendwelche diffusen Erbanlagen abgewälzt. Zu viel Kilos auf den Hüften? "Hab ich von meiner Mama." Dass ich mich genauso mieserabel ernähre wie sie, entgeht mir dabei fröhlich. Kein künstlerisches Talent? Ja, woher denn auch! Ich mach' ja kaum die Augen auf, um mir anzugucken, was das eigentlich ist, die Welt, wieso wir sie wahrnehmen, wie wir es tun! Kein Sinn für Grammatik? Klar, ich mein', ich hab schon mit 8 aufgehört, zu lesen.

Ich wundere mich schon lange über nichts mehr.

Du sprichst mir sowas von aus der Seele. Echt mal.

Danke!
TQ

distelfliege - 11. Feb, 01:34

Ich finde das gut dass du die Arbeit und den Frust neben die freude, den Spass und den Eifer gestellt hast, das gibt es ganz gut wieder, wie ich mich beim Lernen und Erkunden von was Neuem so fühle *ggg*

Zu den Kilos, also da muss man auch sehen ob es wirklich zu viele Kilos sind oder ob man lediglich für eine Schönheitsnorm nicht passt.
trashqueen - 11. Feb, 09:08

Ja, klar.

Ich finde nur, dass sich viel zu oft hinter Entschuldigungen versteckt wird. Ich bin ja ohnehin eine Verfechterin von "übernimm die Verantwortung, dann übernimmst du auch die Macht über dein Leben". Ich sehe echt jeden Tag Menschen, die sich wie Fische in der Strömung von Moden, von äußerlichkeiten treiben und hin und her werfen lassen. Meine Meinung dazu hat sich in den letzten Jahren nicht geändert, ich bin nur etwas trauriger geworden, wie wenig Einsicht die meisten Menschen über ihre eigenen Motive und Antriebe haben.

Ich finde, das spielt da in das Thema mit rein. Was man an anderen bewundert, überhöht und glorifiziert, muss man selbst nicht angehen. Wie denn auch? Hat ja doch keinen Sinn, selbst etwas so gottgleiches zu versuchen!
Tja, und dann eben dabei vergessen, dass hinter diesen vermeintlichen Talenten irgendwann bewusste Entscheidungen standen: Das ist mir so wichtig, das macht mich so an, dass ich da Tag und Nacht drüber brüten will!
Ich vergleiche das mal mit dem Zeichnen bei mir. Ich habe immer schon einigermaßen gerade Linien ziehen können, aber das war es auch schon mit meinem vermeintlichen Talent. Ich erinnere mich noch gut, wie ich im Kindergarten Spaß daran hatte, Dinge in den Sand zu zeichnen. Und mich jedesd Mal freute, wenn ich eine einfache Form gut wiedergeben konnte. In der Grundschule, irgendwann so in der vierten Klasse, fing ich an, mir Menschen genauer anzuschauen. Und merkte, dass niemand diese komische gebogene Linie im Gesicht hatte, die bei uns in der Klasse alle immer als Nase einzeichneten.
Und seitdem bin ich eigentlich immer dabei, meine Wahrnehmung zu hinterfragen: Was sehe ich da jetzt eigentlich genau? - und mir zu überlegen, wie man das abbilden kann.

Ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie unwichtig Talent ist: Mein Geliebster hat von mir vor ein paar Jahren eine Hand voll Zeichenstunden bekommen. Er hielt sich für total unbegabt und hatte auch nie Spaß dabei, zu zeichnen. Ich habe ihm erklärt, welche Fragen er sich stellen muss, wie er seine visuelle Wahrnehmung hinterfragen muss. Ein bisschen Technik noch - und fertig.
Er ist mittlerweile, obwohl er nur selten zeichnet, ziemlich gut. Er war selbst überrascht (und fast schon entsetzt), wie gut er das auf ein Mal hinbekam, mit ein wenig Übung und den richtigen Kniffen...

LG,
TQ
ryuu - 10. Feb, 22:37

Du sprichst da was sehr wesentliches an. (Diese ganzen Neidgeschichten, subtile Verunsicherung von anderen, auch das Verkennen des Riesenaufwandes, den ich für meine Fähigkeiten getrieben habe etc. kenn ich vom Musikalischen zu gut - aber dazu bei Bedarf ein andermal.)
Ich denke auch, wenn man sich an große/anspruchsvolle Projekt rantraut, hat das nicht notwendigerweise was mit "Talent" zu tun, sondern teilweise auch mit Selbstvertrauen. Vertrauen, daß ich die Geduld aufbringen werde, es zu Ende zu führen, Vertrauen, daß ich mir die Fähigkeiten dazu aneignen werde - oder eben auch die Bereitschaft, zu riskieren, daß es unvollendet liegenbleibt, oder daß ich zugeben muß, daß ich mich damit übernommen hab.

Dito mit Vielseitigkeit. Es gibt Menschen, die konzentrieren sich auf eine Sache und werden damit gut. Und es gibt Leute, die immer wieder was Neues anfangen und entweder dabeibleiben - oder halt an irgendeinem Punkt der Lernkurve aussteigen. Ich gehöre ja zu den Hansdampfs in allen Gassen und es gibt durchaus Leute, die mich beneiden, weil ich ja so aktiv bin und so viel mache. Daß ich das manchmal gar nicht als Segen empfinde, sondern drunter leide, daß einige von meinen vielen Leidenschaften nicht zum Zuge kommen, und daß Prioritäten setzen mit so vielen Leidenschaften ein hartes Brot sein kann, das sehen diese Menschen nicht. Daß es für mich auch nichts ist, wozu ich mich extra motivieren muß, weil es Belohnung genug ist, etwas zu tun, was ich liebe, sehen sie auch nicht. (Was nicht heißt, daß ich nicht auch mal rumgammle und das genauso genieße.)

Ich möcht nicht unterschreiben, daß es "Talent" gar nicht gibt, aber überstrapaziert wird der Begriff auf alle Fälle. Ich bin z.B. bei meiner Stimme sehr sicher, daß ein großer Teil davon einfach frühe Schulung ist: ich komme aus einem Haushalt, in dem gesungen wurde, ich habe immer schon gern gesungen, bin mit Musik groß geworden. Und seit ich 10, 11, 12 bin, habe ich sie ganz bewußt geschult, vom späteren angefangen und wieder geschmissenen Studium nicht zu reden. Das ist natürlich ein Ausmaß an Training, das jemand, der "nicht singen kann", nie zu investieren bereit wäre, für eine Fähigkeit, von der man ja fest überzeugt ist, daß man sie nicht beherrscht (und es mag auch furchtbar entmutigend sein, wenn ich sage: kann man - von "einen klaren, sauberen Ton singen" bis zu Mozarts Zauberflöte - alles lernen, so im Lauf von ein paar Jahren).

Mir geht es übrigens mit Zeichnen so. Ich zeichne wie ein sechsjähriges Kind. Aber: mir fehlt ohne die Fähigkeit des Zeichnens einfach nichts.

Ich hoffe, Du verzeihst mir trotzdem, wenn ich Deine Sachen ab und zu abfeiere :)

LG

ryuu

distelfliege - 11. Feb, 00:13

abfeiern..

...is überhaupt kein Problem, ganz im Gegenteil: Ich freu mich (wie du wahrscheinlich auch) sehr wenn ich was zeige und es findet jemand schön.
Ich hatte übrigens mal ein gutes Zeichnenlernbuch *g*
In dem stand dass 6jährige Kinder einen faszinierenden Stil zum Teil haben. Überhaupt sind die Zeichnungen von Kindern oft nicht "schlecht" sondern deuten von einem Blickwinkel und einer Ausdrucksform die man später als Erwachsene durchaus bewusst und absichtlich betreiben könnte. Ich denke man muss auch nicht alles so sehr schulen, ich hab auch gar kein Problem ehrlich das Schöne in Styles zu sehen die nicht den ästhetischen Gewohnheiten entsprechen :)
Salia (Gast) - 11. Feb, 09:43

jetzt will ich auch mal was schreiben :-)

Ich bin eine von wahrscheinlich vielen stillen Leserinnen deines Bloggs. Seid einiger Zeit komme ich immer wieder hierher um mich inspirieren zu lassen. Dabei geniesse ich vorallem die Vielfalt (eben weil hier nicht nur Quilten, nur Stricken oder nur Magisches zu finden ist). Das ist für mich immer sehr anregend. Es führt meistens dazu, dass ich selbst etwas tun will, kreativ werden will.

Es ging mir früher auch schon so, dass ich dachte, die Distelfliege (oder irgendjemand) kann das aber mal wieder sehr gut. Dann muss ich mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass ich bei meinen eigenen Sachen oft nur die vielen Fehler sehe und alles was eigentlich gut ist, als selbstverständlich hinnehme. Bei anderen wiederum entdecke ich Fehler erst, wenn ich mich wirklich sehr ausführlich damit beschäftige, was ich selten tue. Ich musste erst begreifen, dass ich das ja so sehe, ehe ich damit umgehen konnte und manchmal gelingt es mir auch jetzt noch nicht.

Der Lernprozess, der vor einem Können steht, kenne ich nur zu gut. Bei mir ist es oft ganz verbissen. "Ich will das jetzt unbedingt können, das kann doch nicht sein, dass andere das hinkriegen und ich nicht." Stunden verbissenster Arbeit, bis ich irgendwann merke, dass ich die Technik beherrsche und jetzt nur noch Feinarbeit/Verbessern/viel Üben hinzukommen würde. Manchmal unterbreche ich es dann, vorallem wenn ich merke, dass es mir eigentlich doch gar nicht so grossen Spass macht. Aber zumindest will ich es vorher einmal hingekriegt haben.

Mein Kunstlehrer hat immer gesagt: Man kann ein Bild erst dann malen, wenn man es schon gemalt hat.

Bodecea - 11. Feb, 10:20

*G* - wenn es dich beruhigt, Handarbeit ist so wenig meine Sache, dass mich die schönen DInge, die du produzierst, nicht sehr in Ehrfurcht erstarren lassen. ;-)

Generell stimme ich dir zu - auch und gerade kreatives Tun ist viel "Machen" und Lernen und Probieren und eine kleine Prise "echtes Talent".

Ich kenne so viele, die würden gerne toll schreiben können, schreiben aber keine zwei Seiten, weil sie es ja nicht können. Dabei gibt es nur einen Weg, besser zu werden und damit vielleicht mal Erfolg zu haben - es zu tun. Viele, die erfolgreiche Schriftsteller sind, sind gar nicht die größten Sprachvirtuosen, sondern haben einfach Geduld, Ausdauer und Mut, an sich und ihrem Werk zu arbeiten.

Ich denke, das ist bei Stricken, Webdesign doer Romanschreiben ähnlich.

Und nebenbei - es wäre still im Wald, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.

Bodecea

ryuu ungeloggt (Gast) - 11. Feb, 13:29

Mut zum "Fehler"

ist sicher eine der wichtigsten Sachen, wenn ich was lernen will. Egal ob eine Sprache, HTML, Stricken oder eine Sportart, man fabriziert immer erst mal "Mist", aber wenn man dranbleibt, gibt sich das meistens von alleine. Ich find's bei jeder Sache wichtig, sich dann auch an dem zu freuen, was man schon kann.
HERMINE (Gast) - 12. Feb, 10:57

Unterschiedlich

Gut das jeder Mensch ein Individum ist. Du sprichst mir aus der Seele. Hab dir übrigens gemailt - magst mir mal antworten. dANKE

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eidechse.twoday.net - 11. Feb, 13:54

i did it: socken!

ich habe mein erstes paar socken... [weiter]

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