Ich habe auf dem
Unerzogen Weblog (Der Link führt direkt zum Eintrag) ein Video angeschaut, wo ein Typ ein paar Dinge aufzählt, die Kinder machen sollten, obwohl sie gefährlich sind.
Nunja. Sind die Leute in Amiland vielleicht etwas sicherheitsbedachter (äh, wieso eigentlich) als die Hiesigen oder sind wir jetzt auch schon so weit, daß Kinder "gar nix mehr dürfen"?
Zuerst mal ein allgemeines... äh... Ablästern? Über Erziehungsfrei und so.
Mir kommt sowieso das Erziehungsfrei-Weblog vor, wie wenn da Methoden Kinder großzukriegen, die es schon - naja, also schon zu meiner Kindheit auf alle Fälle - lange gab, ganz furchtbar neu und revolutionär wären.
Was dann leider zur Folge hat, daß einige Erziehungsfrei-Anhänger meinen, alle, die nicht die neue erziehungsfreie Erziehung *hüstel* praktizieren, sind automatisch "Alt-Erziehungsgeschädigte" und gehören "zum Feind", der "alten, bösen Zeit" oder so. Also, wir würden furchtbar anders denken und so. Nachdem ich vor einigen Wochen im Mag.net erhebliche Schwierigkeiten hatte, über das Thema zu quatschen, einfach, weil viele Dinge, die "Erziehungsfrei" sein sollen, einfach Selbstverständlichkeiten für mich sind (aber glaubt mir das vll. wer?), treibts mich ab und zu gedanklich um.
Für mich isses doch ne Selbstverständlichkeit, daß ich Kinder nicht aus Bequemlichkeit anlüge, und ich bin selbst auch nicht aus Bequemlichkeit angelogen worden.
Für mich ist es auch ne Selbstverständlichkeit, daß man z.b. nicht einfach irgendwelche Regeln und Drills erfindet, weil man sich irgendwie besser fühlt wenn man der Boss vom Bootcamp ist. Ich wäre doch viel zu faul, mehr Regeln auszuhandeln und mich um ihre Einhaltung zu kümmern, als absolut notwendig.
Einige Dinge, die z.b. die "Unerzogen"-Bloggerin an Regeln für "Draussen" beispielsweise vermittelt, musste ich nie befolgen, weil es meinen Eltern schlicht nicht als Skandal erschien, wenn Kinder im Restaurant die Ellenbogen auf den Tisch stützen. Es wird dadurch doch auch niemand geschädigt, wenn man das tut.
Als Beispiel wurde da gesagt, daß Kinder ja ausserhalb der erziehungsfreien "heilen Welt" anecken könnten, wenn sie sich nicht konventionell benehmen. Ich habe das so gelernt, daß man, wenn man das in Kauf nehmen will, auch anecken kann. Zum Beispiel rannte ich als Kind mit Vorliebe mit zerrissenen, geflickten, möglichst heruntergekommenen Sachen herum. Das war einfach Teil meines Fantasiewelt-Szenarios, so rumzulaufen. Da war es halt einfach wichtiger, daß das Fantasiewelt-Szenario auch mit entsprechender Kostümierung umgesetzt wurde, als was Nachbar XY über die Sauberkeit von meiner Kleidung für eine Meinung sich anmasste. Was geht das den überhaupt an? Gar nichts geht's ihn an.
Naja, vielleicht muss man als geoutete "Erziehungsfrei-Eltern" am eigenen Kind der skeptischen Außenwelt beweisen, daß sich erziehungsfreie Kinder tadellos benehmen - oder was weiß ich.
Und natürlich ist das für ein Kind nicht immer schön, wenn man aneckt oder wenn die eigenen Vorlieben und der eigene kindliche "Lifestyle" bei anderen nicht gut ankommt. Klar ist das blöd, wenn man nicht zur Klassenkameradin nach Hause darf, weil man "kein Umgang für die Tochter" ist. Aber ehrlich mal, die "Assi-Kinder" machen doch eh die tolleren Sachen. Und damit kommen wir zur Gefährlichkeit *gggg*
Meine SpielkameradInnen haben Messer gehabt, Bögen gebaut, sind im Wald rumgerannt und haben halbe Salti ins 2 Meter tiefer liegende Heu geschlagen, leider nicht nur, weil ihre Eltern so cool waren, sondern z.t. einfach aus Verwahrlosung. Und der Kerl aus dem Video hat recht: Kinder sind jung, und Verletzungen heilen schneller. Bei mir wars eben so, daß wir gefährliche Sachen durften, und in Umgang mit Feuerzeugen, Messern, Werkzeugen und so weiter eben eingeweiht wurden von den Eltern.
Bei den "Spiessern" war das alles ein Brei, also alles Verwahrlosung.
Aber toller, als den ganzen Tag zuhause mit Barbies spielen oder TV zu gucken wars schon.
Überhaupt haben meine Eltern uns einiges möglich gemacht. Wir sind mal im Wald gewesen (also nur wir Kinder) und haben davon geträumt, im Wald im Zelt zu übernachten. Ich weiß gar nicht, wie alt ich da war. Vielleicht 10 oder 11. Meine Freundin auch, mein Bruder vll. 9? Wir hatten alles soweit geplant, den Platz, das Zelt, die Vorräte, und wir wollten mit dem ganzen Pack dorthin laufen und das Zelt aufbauen usw.
Meine Eltern fanden es zunächst okay, aber die Eltern meiner Freundin fanden es zu gefährlich. Die Enttäuschung war riesengross. Es endete dann letztlich damit, daß meine Eltern die Eltern meiner Freundin davon überzeugten, den Plan umzusetzen, aber etwas sicherer. Sie haben eine kleine Waldhütte gemietet, und Funkgeräte gekauft, die diese Distanz, immerhin ein paar km, überbrücken konnten. Da die Hütte nicht mehr zu Fuss erreichbar war, mussten wir uns hinfahren lassen - was wir eigentlich nicht vorgehabt hatten, aber vor Einbruch der Dunkelheit schoben die Eltern dann tatsächlich ab und wir kamen dann wirklich zu unserer "allein im Wald übernachten" Aktion. Ich war schon als Kind schrecklich "Old-School" mässig unterwegs und fand die Hütte anstatt dem Zelt und die Funkgerät-Hasselei natürlich viel zu zivilisiert. Ausserdem stank es mir, daß ich nicht auf meinen eigenen Füssen zu dem Platz gelangen konnte.
Aber der Punkt bei der Geschichte ist, daß meine Eltern sich wirklich mit der Ersatz-Orga große Mühe gaben, nachdem sie unseren Kinder-Plan ablehnen mussten. Also Hütte mieten, die Funkgeräte, und dann die ganze Nacht in Wechselschicht Funkwache halten - Hut ab.
Diese Sache mit "Die Bedürfnisse der Kinder haben gleiche Berechtigung", und diese ganzen Erziehungsfrei-Ideen - das ist für mich wirklich nicht so neu. Ich will ja nicht behaupten, daß die meisten Gören zu meiner Zeit so erzogen waren wie ich, die haben halt den ganzen Kram heimlich machen müssen - ihre Bedürfnisse und Ideen ausleben. Aber sooo neu ist das nicht. Dadurch, daß die Kinder, die nichts durften, mit welchen wie mir auch keinen Umgang pflegen durften, kannte ich halt entweder nur "verwahrloste" Kinder oder Kinder, die eben auch mehr Freiheiten hatten.
Bei
Krätzä fand ich folgendes:
"In der Praxis bedeutet Erziehung oft, daß Kinder zu einer vom Erzieher ausgesuchten Zeit schlafen gehen müssen, sich möglicherweise mit bestimmten Freunden nicht treffen dürfen, Danke und Bitte sagen müssen, nur nach Aufforderung sprechen dürfen, zur Oma zum Besuch mitgehen müssen; sie müssen mit den Eltern zusammen essen oder dürfen es aus erzieherischen Gründen nicht, sie müssen ihr Zimmer nach den Vorstellungen der Eltern einrichten lassen, sich kämmen, sich nach dem Geschmack der Eltern anziehen und sich so benehmen, wie die Eltern es sich wünschen und so, daß sie damit vor Verwandten und Bekannten angeben können (Statussymbol braves Kind). Diese Aufzählung ließe sich beliebig weiterführen. Entscheidend ist nicht, ob diese Handlungen sinnvoll sind, sondern daß dem Kind keine andere Wahl gelassen wird. Von gleichberechtigten Erwachsenen verlangt man all dies nicht, und kommt auch kaum auf die Idee, es zu verlangen."
Hatte ich alles nicht. Mir kommt das super veraltet vor. Ich kann mir sowas gar nicht wirklich vorstellen. Ich musste manchmal früher ins Bett als ich wollte, aber nicht weil jetzt so und soviel Uhr ist, sondern weil am nächsten Tag z.b. früh Schule war und mit nur ganz wenigen Stunden Schlaf ist das natürlich blöd. Das ergibt sich so.
"Zu Besuch mitgehen müssen" - naja, doch, das schon, aber wenn die zu Besuchenden ewig weit weg wohnen und das zum Tagestrip ausartet, und die Kinder zu klein sind um alleine daheim zu bleiben, gehts halt nicht anders. Im Kinderzimmer durften wir die Wände mit Fingerfarben bemalen so hoch die Hände reichten, und die meiste Zeit konnte man auf dem Boden vor lauter Bauklötze und Lego kaum gehen. Manchmal war das auch sinnvoll. Ich mein, wenn man den ganzen Tag an einem Bauwerk baut, dann ist es doch auch blöd, wenn das direkt nach Fertigstellung oder in der Schlußphase abgerissen werden muss, um "aufzuräumen". Das mit dem Anziehen, hab ich ja schon geschrieben, ich hatte als Kind den "abgerissenen Stil" und das war auch ok so.
Da ich oft mit sog. "Assi-Kindern" rumhing, bekam ich auch einmal den Umgang mit einer Freundin verboten, naja, aus Sorge eben. Dieses Umgangsverbot ließ sich nur wenige Stunden aufrecht erhalten. Dann hatte ich das in Frage gestellt, dagegen argumentiert und es wurde zurückgezogen.
Apropos Bauklötze... ich erinnere mich an den Tag, als meine Mutter vom Sägewerk "Reste" kostenlos oder billig bekam, zum Anheizen. Das waren Buchenholzreste. Und zwar alle genau gleich groß. Es waren Bauklötzchenelemente! Und davon vll. eine Tonne. Die wurden in die Garage gekippt. Knietief stand man da drin! Geil!! Wir haben Stunden verbracht uns die tollsten rauszusuchen und unser Bauklotzvorrat verfünffachte sich. Irgendwann bekamen wir allerdings einen Riegel vorgeschoben - gut, die ganze Tonne Bauklötze hätte auch einfach nicht reingepasst ins Kinderzimmer. Es hieß dann jedenfalls nicht "Das sind keine Klötze, sondern Abfallholz, damit spielt man nicht".
Trotzdem sind Eltern nie perfekt und im Zusammenleben gibt es immer Konflikte, die ausgetragen werden, und das zum Teil - wenn einem die Sache wichtig ist und man charakterlich so "gestrickt" ist, grade in unserer "Egogesellschaft" - auch manipulativ.
Aber ich denke mal, als Kind merkt man das schon, wenn der Grundtenor respektvolle Förderung ist, und nicht manipulatives Hinbiegen. Dann kann man als Kind auch Schwächen der Eltern ab, wenn die Grundhaltung eben passt.
Vor einigen Jahren machten meine Mutter und ich aus Spaß einen Brigitte-Psychotest, der wirklich Seitenlang und knifflig war, um zu ermitteln, welcher Muttertypus man selbst ist. Was soll ich sagen? Ich dachte, ich bin bestimmt durch meinen durch Erfahrung völlig unbeleckten Idealismus und weil ich eben nicht in der Situation einer Mutter bin, sondern ganz frei ankreuzen kann, die Super-Talentscout-Förder-Kumpelmutter. Ha, denkste... ich hatte mehr Prozente bei der überbehütenden Aufdringlichkeitsmutter und weniger bei der Talentscoutmutter und der Kumpelmutter. Meine Mutter hatte ein astreines Ergebnis. *gg*
Schweinerei!
Aber nochmal kurz zum Manipulativen. Wir hatten ja keine Glotze als ich aufgewachsen bin. Ich stelle mir das schwierig vor, wenn man sich zuhause respektvoll begegnen möchte und _sozial_ zusammen leben will, wenn man solche Dinge im TV vermittelt bekommt wie diese:
* Es klingelt an der Tür, die Hauptperson des kurzen Spots freut sich, daß Freunde zu Besuch kommen. Die Hauptperson öffnet die Tür und tatsächlich, die erwarteten Freunde sind da! In der Hand haben sie eine Packung Pralinen. Die Hauptperson reißt ihnen die Packung Pralinen aus der Hand, knallt ihnen die Tür vor der Nase zu und frisst die Pralinen alleine auf.
* An einem Hubschrauber hängt ein Mann, der eine Frau von einem brennenden Hochhausdach o.Ä. rettet. Als er sie gerade in den Hubschrauber befördern will, bekommt er per SMS die Information, daß sie ihn betrogen hat. Ohne die Information zu verifizieren, ändert er sein Vorhaben und lässt die Frau in den Tod stürzen. Die ZuschauerInnen sollen denken: Immer gut informiert, dank SMS!
Tolle Werte, die da vermittelt werden, das ist etwa das Verhalten von Junkies, die aus Angst vor dem Entzug nur noch an ihren Stoff (das beworbene Produkt) und nicht mehr an sich und die anderen Menschen denken können.
So... weiter ins Nähstudio *gg*