...nachdem ich während dem Hurrican in der amerikanischen Golfregion versucht habe, die Nachrichten die auch in meinem Zuhause im TV liefen tunlichst zu ignorieren, und mittlerweile wieder Ruhe eingekehrt ist, frage ich mich natürlich, was Katrina und die Zustände in New Orleans für ein potentielles Leben ohne Staatsmacht bedeuten.
Zuerst mal, muß ich erzählen: Ich habe meist am PC gesessen und die Nachrichten mehr bruchstückhaft gehört als gesehen. Ich hatte den Eindruck von "Gewalt, Gewalt und noch mehr Gewalt" und "Hilfe, sobald die Bullerei weg ist tötet jeder den anderen". Gewaltbereite Gangs sollen die Stadt kontrollieren. Es wird angeblich geplündert, gebrandschatzt und vergewaltigt.
In meinem Kopf spielten sich tagsüber und nachts Szenen ab in denen ich mir vorstellte, was wäre, wenn ich/wir (also die Leute die ich kenne) in einer New-Orleans-Situation wären.
Erst vorgestern kam ich auf die Idee, mal im Internet zu suchen ob es denn wirklich so war wie ich oberflächlich mitgehört habe, nämlich daß, sobald der Staat weg ist, alle übereinander herfallen.
Ich weiß ja auch, daß Indymedia nicht immer am realistischsten ist, aber die Berichte von da ergeben ein ganz anderes Bild:
http://neworleans.indymedia.org/
Hier ist zb. ein
Bericht von zwei Leuten, die mit fast hundert anderen Menschen auf einem Freeway in New Orleans kampierten und sich selbstständig mit Essen und Wasser versorgen konnten. Weder in den Superdome noch ins Convention Center wurden noch Leute reingelassen, und die Nationalgarde und die Sherrifs verwehrten es ihnen, die Stadt zu Fuss zu verlassen.
"Just as dusk set in, a Gretna Sheriff showed up, jumped out of his patrol vehicle, aimed his gun at our faces, screaming, "Get off the fucking freeway". A helicopter arrived and used the wind from its blades to blow away our flimsy structures. As we retreated, the sheriff loaded up his truck with our food and water.
- Gerade als es dunkel wurde, erschien ein Gretna Sheriff, sprang aus seinem Einsatzwagen, zielte mit einem Gewehr auf unsere Köpfe und brüllte "Haut von dem verdammten Freeway ab". Ein Helikopter kam und blies unsere wackligen Unterkünfte mit seinen Rotorenflügeln davon. Als wir den Rückzug antraten, belud der Sheriff seinen Laster mit unserem Essen und unserem Wasser."
"While the rich escaped New Orleans, those with nowhere to go and no way to get there were left behind. Adding salt to the wound, the local and national media have spent the last week demonizing those left behind. As someone that loves New Orleans and the people in it, this is the part of this tragedy that hurts me the most, and it hurts me deeply."
(Die Reichen flüchteten aus New Orleans, und diejenigen, die nirgends hingehen konnten und keine Möglichkeit hatten irgendwo hinzugehen, wurden zurückgelassen. Die Medien streuten noch Salz in die Wunde, indem sie die vergangene Woche lang die Zurückgelassenen dämonisierten. (...)
(
Jordan Flaherty )
Und da:
'This is criminal': Malik Rahim reports from New Orleans
" People whose homes and families were not destroyed went into the city right away with boats to bring the survivors out, but law enforcement told them they weren't needed. They are willing and able to rescue thousands, but they're not allowed to.
Every day countless volunteers are trying to help, but they're turned back. Almost all the rescue that's been done has been done by volunteers anyway."
Das Ganze auf deutsch
Und noch hier: "Am Donnerstag wurde sogar jenen freiwilligen Helfern, die in den Tagen zuvor über 1000 Menschen mit Booten gerettet hatten, ihre Arbeit verboten. Die vereinzelten Schüsse (wer weiß, WER sie abgefeuert hat) dienten als Erklärung: “Es ist zu gefährlich”. Die Freiwilligen glaubten nicht an Eigengefährdung und wollten die Rettungsoperationen fortsetzen. Sie wurden mit vorgehaltener Waffe “überzeugt”, “aufzuhören und aufzugeben”.
Quelle
Tja..
Alles halt nicht so einfach. Vielleicht hätte ich schon früher merken müssen, daß die Szenarien vom allgegenwärtigen "Recht des Stärkeren" ein bissel geflunkert waren, und die Bullerei so dringend benötigt wird, noch dringender als Hilfslieferungen. Als ich nämlich eine "Anekdotenstory" im Fernsehen gesehen habe, wo eine Bar im "French Quarter" glaub ich, mit Hilfe von Kerzenlicht erleuchtet, die ganze Zeit offen war und die Besitzerin Getränke ausschenkte und sagte "Danach geh ich erstmal in Urlaub" - wo waren denn da die Gangs, die diese Frau vergewaltigen hätten können und mit Waffengewalt die Getränke einkassieren?
War es vielleicht doch eher so, daß die Leut versucht haben sich eben mit dem Nötigsten aus Läden zu versorgen, und sich eben nicht gegenseitig in die Häuser eingebrochen sind und sich gegenseitig umbringen wollten?
Ich mein, wenn man nu so von Superdome hört und was da abging, das war ja auch keine normale Situation, sondern die Leut waren da drin quasi wie im Knast eingesperrt.
*grübel*
Es ist gar nicht so leicht sich im Internet durch den Wust zu kämpfen. Einfach viel zu viel was drüber geschrieben wird. Wenn jemand zufällig relevante und gute Artikel gelesen hat, wäre ich für Links dankbar. Am besten Artikel die irgendeine Bedeutung für die Frage haben: Brauchen wir den Staat wirklich so dringend für Sicherheit und Ordnung? Oder: Nachbarschaftshilfe, oder "Graswurzel" - Reaktionen auf die Katastrophe..